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Lenz Interpretation – Die Natur

Geschrieben von: Dennis Rudolph
Sonntag, 16. April 2017 um 20:20 Uhr

Lenz innere Verfassung wird von den Naturbeschreibungen der Erzählung gespiegelt. So wie sich sein Gemütszustand verändert, so wechselt auch die Natur ihr Aussehen. Besonders deutlich wird dies an den vier Einschnitten, in denen sich Lenz im Gebirge aufhält und die im Folgenden genau analysiert werden.


Lenz ist das erste Mal zu Beginn der Erzählung im Gebirge. Er wandert durch den nasskalten Regen nach Waldbach im Steintal zu Pfarrer Oberlin, um sich dort von seiner beginnenden Schizophrenie zu kurieren. Die Natur wird mit zahlreichen Personifikationen als bedrohlich beschrieben, denn der Nebel verschlingt alles und der Sturm wirft die Wolken in die Täler. Der Wald schüttelt sich und die Wolken sind wie wilde wiehernde Pferde, die herangaloppieren und jeden zu überrennen drohen, der sich ihnen in den Weg stellt.

Lenz fühlt angesichts dieses Sturms ein Ziehen in der Brust, was sein Unwohlsein ausdrückt. Er hat teilweise das Gefühlt, dass die Erde unter ihm schrumpft und ganz klein wird und teilweise will er mit der Natur eins werden. Dies zeigt den beginnenden Wahnsinn, aber noch versucht er sich zu wehren und hat nur kurze Anwandlungen seiner Krankheit. Die bedrohliche Natur stellt hier die Gefahr dar, die vom Wahnsinn ausgeht.


Gegen Abend werden sowohl die Natur als auch Lenz ruhiger. Der Sturm ist vorüber und der Wahnsinn damit kurzzeitig abgewehrt. Als aber die Dunkelheit heraufzieht, wird es auch in Lenz‘ Innern dunkel, denn er fühlt sich einsam und bekommt Angst. Er rennt den Berg hinunter und flieht vor der Dunkelheit. Dabei hat er das Gefühl, dass er vom Wahnsinn verfolgt wird, der für ihn so entsetzlich ist, dass er meint, ihn nicht ertragen zu können. Als er die Lichter des nächsten Dorfes erreicht, geht es ihm besser, weil er dadurch der Dunkelheit und damit seiner Krankheit erst mal entkommen ist.


Lenz befindet sich das zweite Mal im Gebirge, als er Oberlin und Kaufmann ein Stück auf deren Reise in die Schweiz begleitet. Nachdem sich ihre Wege getrennt haben, wandert Lenz ziellos durch die Berge. Er verschmilzt förmlich mit der Natur, die weit und waldlos ist. Der Horizont erscheint ihm als große Meereswelle und er lässt sich auf- und abtreiben und träumt in dieser friedlichen Umgebung vor sich hin. Als er nach Sonnenuntergang eine bewohnte Hütte findet, bleibt er dort über Nacht.

Es leben da ein krankes Mädchen, eine alte Frau und Mann, der als Heiliger verehrt wird. Lenz schläft dort allerdings nicht so gut und wacht in der Nacht auf. Die Leute sind ihm unheimlich und auch die Natur ist es. Der Wind säuselt mal leise, mal laut und auch der Mond ist mal da, mal von Wolken verdeckt. Dieses wechselnde Licht zeigt die Unruhe von Lenz. Er fühlt sich nicht richtig wohl und alles erscheint ihm etwas unwirklich. Deshalb ist er froh, als er am nächsten Morgen nach Waldbach zurückkehren kann.

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Lenz Interpretation Natur Teil 2


Zum dritten Mal stürzt Lenz förmlich ins Gebirge, als es ihm misslungen ist, ein totes Kind wieder zum Leben zu erwecken. Er wollte, dass Gott durch ihn wirkt, aber als das nicht geschehen ist, wird er halb wahnsinnig und rennt ins Gebirge. Die Natur ist dabei genauso wild wie er. Die Wolken ziehen sehr schnell über den Nachthimmel, sodass die Landschaft abwechselnd hell und komplett dunkel ist. Lenz fühlt, wie der Atheismus über ihn kommt und er meint, er sei allmächtig. Er will Gott packen und gegen die Wolken schleudern. Seinen Größenwahn unterstützt das Pfeifen des Windes, das ihn wie ein Titanenlied anmutet. Als er einen Berggipfel erreicht, ändert sich die Szenerie. Der Mond scheint plötzlich lächerlich zu sein und der Himmel wirkt wie ein blaues Auge, sodass Lenz lachen muss. Mit diesem Verspotten der Schöpfung fällt er vom Glauben ab, wird nun aber innerlich ruhig. Ihm wird kalt und er fühlt sich innerlich leer, was nun auch zu der ihn umgebenden Dunkelheit und dem nun ruhigen Wetter passt.


Bei seiner Abreise aus dem Steintal ist Lenz das letzte Mal im Gebirge. Er sitzt bewacht in einem Wagen, der ihn zurück nach Straßburg bringt, weil Oberlin nicht mehr die Verantwortung für ihn übernehmen kann, da Lenz mehrfach versucht hat, sich das Leben zu nehmen. Nun sitzt er also in der Kutsche und hat völlig resigniert. In diesem gleichgültigen Zustand schaut er aufs Gebirge, das genauso starr und abweisend ist wie er sich innerlich fühlt. Umschrieben wird das mit einer tiefblauen Kristallwelle an deren Fuß sich über dem Fluss ein bläuliches Gespinst gelegt hat.

Die Farben des Gebirges sind kalt, auch wenn es sich in das warme Abendrot erhebt. Aber die Sonne vermag es nicht mehr zu erreichen. Das gilt auch für Lenz, er hat keine Chance mehr auf Heilung, sondern hat den Kontakt zur Außenwelt verloren. Die Schizophrenie hat gesiegt.

Autorin: Kirsten Schwebel

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