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Tipps und Tricks: Beispiel einer Gedichtinterpretation

Geschrieben von: Dennis Rudolph
Donnerstag, 04. September 2008 um 01:28 Uhr

Um euch ein Beispiel für eine Interpretation eines Gedichtes zu geben, haben wir euch hier eine Interpretation des Gedichts „Winterdämmerung“ von Georg Trakl zur Verfügung gestellt. Ihr könnt daran sehen, wie eine Interpretation aufgebaut ist und welche Dinge in einer Interpretation nicht fehlen dürfen.

Schwarze Himmel von Metall.
Kreuz in roten Stürmen wehen
Abends hungertolle Krähen
Über Parken gram und fahl.
Im Gewölk erfriert ein Strahl;
Und vor Satans Flüchen drehen
Jene sich im Kreis und gehen
Nieder siebenfach an Zahl.
In Verfaultem süß und schal
Lautlos ihre Schnäbel mähen.
Häuser dräu’n aus stummen Nähen;
Helle im Theatersaal.
Kirchen, Brücken und Spital
Grauenvoll im Zwielicht stehen.
Blutbefleckte Linnen blähen
Segel sich auf dem Kanal.
Georg Trakl (Gedichte 1913)

Interpretation

Das Gedicht „Winterdämmerung“ von Georg Trakl stellt eine Beschreibung der Landschaft dar. Das Wetter und verschiedene Einrichtungen, vermutlich eine Stadt werden beschrieben. Beim ersten Durchlesen erweckt das Gedicht einen trostlosen, dunklen, bedrohlichen Eindruck, ob dieser sich bei genauerer Auseinandersetzung bestätigt, das wird im Folgenden erarbeitet. Außerdem sollen eine Deutung und eine zeitliche Einordnung folgen.
Zu Beginn des Gedichtes wird die wohl vor Längerem hereingebrochene Dunkelheit erwähnt und Krähen stellen ein größeres Thema dar, indem ausführlich beschrieben wird, wie sie über Parks („Parken“) fliegen und letztendlich gelandet sind. Das Gedicht schließt mit einer Darstellung verschiedener städtischer Einrichtungen (Kirchen, Krankenhaus „Spital“) und Brücken, sowie einem Ausblick auf einen offenbar stadtnahen, wenn nicht sogar innerstädtischen Kanal.
Auffällig ist, dass in dem Gedicht kein lyrisches Ich hervortritt. Die erwähnten Eindrücke werden zwar „erzählt“, doch geschieht an keiner Stelle ein Appell an den Leser oder gar ein Gespräch, wie man es aus Gedichten der Romantik kennt. Dort tritt nahezu immer ein Lyrisches Ich auf. Hier ist dies nicht der Fall, wie für Gedichte um die expressionistische Zeitepoche typisch.
Im Gegensatz zu einigen expressionistischen Gedichten, liegt hier jedoch keine Sonnettform vor: Das Gedicht enthält vier Strophen mit jeweils vier Versen. Ein wenig ungewöhnlich ist, dass diese formale Einteilung beziehungsweise Trennung voneinander nicht auch inhaltlich so vorliegt. Die erste kürzere Beschreibung, in der die Dunkelheit und der Sturm beschrieben werden, geht bis Vers zwei, während dem vom dritten bis einschließlich zehnten Vers die Krähen beschrieben werden. Die letzten sechs Verse handeln von der Beschreibung der Stadt.
Zwar kann man bereits mit diesem Konflikt zwischen Inhalt und Form eine Deutung des Gedichts beginnen, doch zunächst soll eine Analyse der Sprache folgen. Es sticht stark hervor, dass dieses Gedicht viele Ellipsen aufweist. Gleich im ersten Vers fehlt ein Prädikat („Schwarze Wolken von Metall“), außerdem gibt es im weiteren Verlauf der ersten Strophe mindestens ein Prädikat zu wenig. Und genau solche sprachlichen Spielereien wie die Nichtfestlegung eines Bezuges sind charakteristisch für dieses Gedicht. Georg Trakl überlässt allein dem Leser die Aufgabe, zu entscheiden, wie er die Wörter bezieht und versteht. Syntaktische Missklänge („Kreuz wehen“) und Neologismen sind die Folge von fehlenden Zusammenhängen. Wörter wie „grau“ und „mähen“ werden in einem völlig unüblichen Kontext verwendet und regen den Leser zum Nachdenken an, ebenso wie die Verwendung von „dräu’n“, das als dialektische Abwandlung von „drängen“ verstanden werden kann.
Doch was will Georg Trakl mit dieser sprachlichen Eigenartigkeit, der Bezugslosigkeit der Wortschöpfungen, erzeugen? Es liegt nahe, dass er eine Flucht aus dem Alltag, des von Industrie gespickten Leben ausdrücken will. Bereits der erste Vers bringt durch die Erwähnung von „Metall“ die Industrie ins Gespräch, ruft sie beim Lesen ins Gedächtnis. Da die „Himmel“ eben „von“ dem Metall „schwarz“ sind, ist es nicht unbedingt und primär das Wetter, das die Dunkelheit erzeugt, sondern die Industrie, die dem Leben Finsternis einhaucht.
Den ersten Vers der zweiten Strophe bringt die Überschrift in direkten Bezug zum Inhalt: Von „Erfrieren“ ist die Rede. Die Industrie sorgt also nicht nur für Dunkelheit und Finsternis, sondern kühlt das Leben, die Emotionen, ab.
Die darstellende Kunst ist vielleicht der einzige Ausweg aus diesem kalten und langweiligen Leben, deswegen herrscht einzig und allein im „Theatersaal“ eine gewisse „Helle“. Es ist das einzige Mal, dass in diesem Gedicht von Licht die Rede ist. Die angesprochene Langeweile wird durch die Form und vor allem durch das Reimschema symbolisiert: Durchweg im ganzen Gedicht die gleichen Endungen mit der Form a-b-b-a ohne Variation zwischen den Strophen. Im umgreifenden Reim werden die klingenden Kadenzen von den stumpfen eingeschlossen. Man kann hier auch einen Zusammenhang zwischen Form und Inhalt herstellen: Der triste, industrielle Alltag schließt das klangvolle und schöne Leben ein. Nicht einmal die Religion ist ein Ausweg, denn auch die „Kirchen“ stehen im „Zwielicht“, der „Kampf“ zwischen Gut (vgl. Kreuz) und Böse (vgl. Satans Flüche) raubt den Menschen die letzte Kraft. Zu der industriellen Folter kommt erschwerend hinzu, dass der Krieg bevorsteht. Die „roten Stürme“ sind womöglich eine Anspielung auf russische Armeen, die im Kampf mit deutschen Armeen stehen. Die Krähen sind somit eine Metaphorik für den Tod, da sie als schwarze Vögel wie Geier über der Stadt kreisen und selbst im total Zerstörten wissen, wo sie Nahrung finden.
Man kann das Gedicht „Winterdämmerung“ in die Epoche des Expressionismus einordnen. Es ist zwar typisch, dass ein Gedicht dieser Epoche als Sonnett aufgebaut ist, und dies ist hier klar nicht der Fall. Doch das Einsetzen des Motives der Kunst ist ein klares charakteristisches Merkmal der Epoche des Expressionismus.
Durch seine Flucht mit syntaktischen Unüblichkeiten, Wortschöpfungen und Bezugslosigkeiten drückt Georg Trakl seinen Protest aus. Das trostlose Leben wird durch die Form des Gedichts dargestellt, die Zwänge des Alltags stecken in den Regeln der Einteilung in Strophen und in der Grammatik. Nur scheinbare Fehler erlauben so eine Ausflucht aus diesen Regeln, genau wie eine Rebellion, bewusstes Andersverhalten im Alltag, die Flucht aus der Eintönigkeit und vor dem nahen Ende durch den Krieg und somit eine Rettung bedeutet.
„Dämmerung“ bedeutet im expressionistischen Zeitalter sowohl Ende als auch Anfang. Im Gedicht „Winterdämmerung“ von Georg Trakl wird also die Winterdämmerung als Ende des Lebens - mit dem Winter als Metaphorik für das Ende, welches mit der Dämmerung einsetzt – gesehen.

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