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Die Verwandlung: Analyse / Interpretation

Geschrieben von: Dennis Rudolph
Montag, 06. Februar 2017 um 17:24 Uhr

Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ begleitet den jungen Gregor Samsa bis zu seinem Tod, nachdem er sich in einen großen Käfer verwandelt hat. Die folgende Interpretation und Analyse geht auf die Familie vor und nach der Verwandlung ein und zeigt die Veränderungen, die alle durchleben.

Kafkas Erzählung beginnt zwar direkt nachdem sich der Protagonist Gregor Samsa in einen Käfer verwandelt hat, aber man erfährt im Rückblick viel über das Leben Gregors und seiner Familie vor diesem einschneidenden Ereignis.


Bei den Samsas handelt es sich um eine klassische Familie, bestehend aus Mutter, Vater und den zwei Kindern Gregor und Grete. Die Tochter ist 17 Jahre alt, das Alter des Sohnes ist dagegen nicht bekannt. Man weiß lediglich, dass er älter als seine Schwester ist. Die Familie lebt in einer größeren Stadtwohnung und hat außerdem zwei Angestellte, ein Dienstmädchen und eine Köchin. Die Mutter und Grete helfen manchmal in der Wirtschaft mit. In ihrer Freizeit spielt Grete Geige, was ihr und ihrer Familie Freude bereitet.


Der Vater hatte lange Zeit ein Geschäft, ist aber bankrottgegangen, was ihn schwer getroffen hat. Er hat sich aus dem Arbeitsleben zurückgezogen und ist vorzeitig gealtert. Seine Antriebslosigkeit zeigt sich darin, dass er fast nur noch zu Hause sitzt und Zeitung liest. Dass er etwas Geld aus dem Geschäft retten konnte, verbirgt er vor der Familie. Seinen Kindern gegenüber ist er sehr streng, aber seiner Frau begegnet er sehr fürsorglich, da sie eine schwache Gesundheit hat.


Den Platz des Ernährers der Familie hat Gregor eingenommen. Er arbeitet bei dem Gläubiger seines Vaters dessen Schulden ab und sichert der Familie den Lebensunterhalt, indem nahezu sein gesamtes Gehalt zu Hause abliefert. Die erhoffte Zuneigung und Dankbarkeit seiner Familie erhält Gregor nur kurz. Man gewöhnt sich schnell an die neue Situation und nimmt es als selbstverständlich hin, dass er alles finanziert. Lediglich zu seiner Schwester hat Gregor eine engere Bindung. Er liebt insbesondere ihr Violinenspiel und möchte ihr daher zu Weihnachten Musikstunden am Konservatorium schenken.


Außerhalb der Familie hat Gregor kaum soziale Kontakte. Seine wenigen Freunde kennt er durch die Arbeit. In Bezug auf Frauen hatte er nie eine ernste Beziehung. Ein Stubenmädchen und eine Kassiererin sind ihm eine liebe Erinnerung. Dies liegt zum einen daran, dass er sich nie länger an einem Ort aufhält und damit keine Zeit hat, sich intensiv mit einer Frau zu befassen und zum anderen daran, dass sein Lebensmittelpunkt die Familie ist.


Um die Schulden des Vaters möglichst schnell abzutragen, arbeitet sich Gregor in der Firma schnell nach oben und ist mittlerweile ein Handlungsreisender, der Provision bekommt, wenn er gute Geschäfte macht. Er arbeitet bereits seit fünf Jahren für seinen jetzigen Chef und muss noch einmal so lange für die Tilgung der Schulden arbeiten. Dass von seinem Gehalt jeden Monat noch etwas übrig bleibt, weiß er nicht, denn dann könnte er früher kündigen, was er unbedingt will, da in der Firma ein äußerst schlechtes Arbeitsklima herrscht. Der Chef ist nämlich despotisch und behandelt seine Mitarbeiter von oben herab.

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Analyse / Interpretation Teil 2

Er vermutet hinter jeder Kleinigkeit ein größeres Vergehen und überwacht alle. Daher weiß er auch, dass Gregor am Morgen seiner Verwandlung den Zug nicht genommen hat und schickt direkt einen höheren Vertreter der Firma, den Prokuristen, um herauszufinden, weshalb Gregor nicht gefahren ist und um ihn Druck zu setzen, obwohl es nie einen Grund zum Misstrauen gab. Gregor war nämlich bisher nicht einen Tag krank.


Gregors Leben ist also vor der Verwandlung in allen Bereichen unbefriedigend und auch eingeschränkt. Durch die Verwandlung verbessert sich dies allerdings nur scheinbar. Er ist zwar die ungeliebte Arbeitsstelle los, aber er hat nun auch gar keine sozialen Kontakte mehr außerhalb der Familie. Außerdem wird er zu Hause allenfalls noch geduldet und ist räumlich auf sein Zimmer beschränkt. Er lebt nun also wie ein Aussätziger.


Für seine Familie bedeutet die Verwandlung den Verlust des Ernährers. Dadurch sind alle gezwungen zu arbeiten. Der Vater findet eine Anstellung als Diener einer Bank, die Mutter näht in Heimarbeit für einen Wäscheladen und die Schwester arbeitet als Verkäuferin. Außerdem müssen die Köchin und das Dienstmädchen entlassen werden. Es gibt nun nur noch eine Bedienerin, die die gröbsten Arbeiten übernimmt. Der Rest wird von der Mutter erledigt. Außerdem wird ein Zimmer an drei Zimmerherren vermietet, um weitere Kosten einzusparen. Der Familie tut der Eintritt ins Berufsleben durchweg gut. Insbesondere der lethargische Vater findet zu seiner alten Kraft zurück und nimmt die Finanzen der Familie wieder selbst in die Hand.


Seine Stärke gewinnt er unmittelbar nach Gregors Verwandlung zurück, als er seinen Sohn am Morgen der Verwandlung das erste Mal aus dem Wohnzimmer der Familie vertreibt. Gregor hat es unter großer Anstrengung geschafft, seine Zimmertür zu öffnen und hofft auf Hilfe und Unterstützung, wenn man ihn als Käfer sieht. Das Gegenteil ist allerdings der Fall. Der Prokurist, der vorbeigekommen ist, um zu erfahren, weshalb Gregor morgens den Zug nicht genommen hat, flieht in Panik aus der Wohnung. Die Mutter stößt Angstschreie aus und fällt in Ohnmacht, nur der Vater behält weitestgehend die Nerven. Zuerst weint er zwar, treibt Gregor aber dann mit dem Stock des Prokuristen in Richtung seines Zimmers und schleudert ihn schließlich mit einem Fußtritt aus dem Raum, wobei Gregor sich verletzt. Er schert sich dabei nicht um die Gefühle und körperliche Unversehrtheit seines Sohnes, sondern will ihn nur aus seinen Augen bekommen und wegsperren.


Noch deutlicher wird die Brutalität und Ignoranz bei der zweiten Vertreibung aus dem Wohnzimmer nach dem Ausräumen von Gregors Zimmer. Die Mutter ist in Ohnmacht gefallen, als sie den Käfer gesehen hat und Grete behauptet gegenüber dem heimkommenden Vater, ihr Bruder sei ausgebrochen, obwohl Gregor nur das Zimmer verlassen hat, um Grete behilflich sein zu könne, falls sie ihn braucht. Der Vater nimmt jedoch das Schlechteste an und treibt seinen Sohn erst mit großen Schritten mehrfach durch das Zimmer und beginnt dann, ihn mit Äpfeln zu bombardieren. Ein Apfel verletzt ihn dabei lebensgefährlich am Rücken und bleibt in seinem Panzer stecken. Dies veranlasst den Vater aber nicht dazu aufzuhören; erst die mittlerweile aus ihrer Ohnmacht erwachte Mutter kann ihn dazu bringen, indem sie sich dem Vater förmlich entgegenwirft und ihn anfleht, Gregors Leben zu verschonen.


Der Vater lässt in dieser Episode seiner Abneigung gegen den Sohn freien Lauf. Sein ganzes Verhalten zeigt, dass er nicht im Affekt handelt, sondern dass er die Verletzung ganz bewusst in Kauf nimmt bzw. herbeiführt. Dass Gregor gar nicht mehr so richtig als Familienmitglied angesehen wird, sondern bloß geduldet wird, zeigt sich auch darin, dass keiner nach seiner Wunde sieht und den Apfel herausholt, sondern alle erleichtert sind, als er wieder in seinem Zimmer und die Tür verschlossen ist. Dennoch verbessert diese Begebenheit Gregors Situation etwas, da die Familie nun abends als eine Art Wiedergutmachung für den Angriff die Tür einen Spalt breit öffnet, damit er den Gesprächen im Wohnzimmer zuhören kann. Dadurch hat er die Möglichkeit einer passiven Teilnahme am Familienleben. Gregor nimmt diese Gelegenheit aber gar nicht immer wahr, sondern er hat sich auch schon innerlich etwas von seiner Familie entfernt.


Neben dem Vater wertet auch Grete ihre Stellung innerhalb der Familie auf. Sie tut nun in den Augen des Vaters etwas Sinnvolles und hat zudem die Versorgung Gregors übernommen. Anfangs kümmert sie sich sehr gewissenhaft um ihn, auch wenn ihr der Umgang mit ihm unangenehm ist. Sie versucht als erstes herauszufinden, was dem Käfer Gregor schmeckt, bringt ihm regelmäßig Essen und reinigt sein Zimmer. Mit der Zeit vernachlässigt sie ihn aber und macht aus ihrem Ekel dem Bruder gegenüber keinen Hehl. Sie lässt auch nicht zu, dass die Mutter ihren Sohn besucht. Sie fürchtet wohl einerseits um die Gesundheit der Mutter, aber der hauptsächliche Grund ist wahrscheinlich, dass sie ihre gehobenere Stellung in der Familie nicht verlieren will. Denn durch die Versorgung Gregors ist sie sowas wie eine Expertin in Bezug auf ihn geworden. Würde die Mutter sich ihrem Sohn nun nähern und sich um ihn kümmern, verlöre sie diesen Status.


Dadurch dass sie sich gegen die Mutter durchsetzt, steht sie über ihr. So erwirkt sie auch gegen den Willen ihrer Mutter, dass Gregors Zimmer ausgeräumt wird. Das verschafft ihm zwar einerseits Platz zum Herumkriechen, beraubt ihn aber andererseits immer stärker seiner menschlichen Identität. Die Mutter spürt das intuitiv, setzt sich aber nicht gegen Grete durch, die auf dem Ausräumen besteht.


Obwohl Grete die Versorgung Gregors immer lästiger wird und sie ihn vernachlässigt, lässt sie nicht zu, dass jemand anderes sich um ihn kümmert. Die Bedienerin hat den riesigen Käfer nämlich gesehen und empfindet ihm gegenüber keinerlei Abscheu. Sie würde die Versorgung gewiss übernehmen, aber Grete besteht auf ihrer Sonderrolle in Bezug auf den Bruder.


Analyse / Interpretation Teil 3


Die Vernachlässigung zeigt sich zum einen darin, dass Grete ihrem Bruder nur noch beliebiges Essen vorsetzt, ohne auf seinen Geschmack zu achten. Außerdem macht sie nicht mehr sauber und erträgt den Aufenthalt in seinem Zimmer nur noch bei geöffneten Fenstern. Zusätzlich fungiert dieser Raum nun als eine Art Abstellkammer. Alles, was schnell weg muss und nicht mehr benötigt wird, kommt in Gregors Zimmer. Dies nimmt ihm nun wieder Platz zum Herumkriechen, aber ihn stört es nicht, da er es als Beschäftigung sieht, die Kartons und anderen Gegenstände im Zimmer zu verschieben.


Trotz der immer weiter wachsenden Abneigung durch seinen Vater und Grete, hat Gregor nach wie vor positive Gefühle gegenüber allen, insbesondere seiner Schwester. Er wünscht sich, dass sie ihm ebenfalls nahe sein will und z.B. für ihn Geige spielt. Sie kümmert sich aber weiterhin nur oberflächlich um ihn und meidet sein Zimmer so gut sie kann. Als sie aber eines Tages für die Zimmerherren Geige spielt, verlässt der fast verhungerte Gregor ein letztes Mal sein Zimmer, um seiner Schwester nahe zu sein. Dabei nimmt er nicht wie sonst Rücksicht auf die Familie, denn er wäre nie aus seinem Zimmer gekommen, um den anderen seinen Anblick nicht zuzumuten. Der Wunsch, Grete nahe zu sein, ist einfach übermächtig. Die Zimmerherren bemerken ihn und fordern Erklärungen von Herrn Samsa. Als die Familie wieder allein ist, macht Grete aus ihrem Abscheu keinen Hehl mehr und fordert die Beseitigung Gregors. Dazu können sich die Eltern aber nicht entschließen, da noch eine letzte Bindung vorhanden ist.


In derselben Nacht stirbt Gregor allein in seinem Zimmer an den Folgen der Verletzung und Unterernährung. Für seine Familie ist sein Tod eine Erleichterung, da sie nun alle Probleme mit ihm los sind. Zwar sind alle noch kurzzeitig traurig, beschließen dann aber, sich von der Arbeit frei zu nehmen, um sich im Grünen von den überstandenen Strapazen zu erholen. Der Vater kündigt zuvor noch den Zimmerherren, was eine weitere Befreiung aus Zwängen darstellt, und dann fahren die drei mit der Straßenbahn aus der Stadt. Unterwegs schmieden sie schon fröhlich Zukunftspläne und wollen quasi jegliche Erinnerung an Gregor aus ihrem Leben tilgen. Sie wollen beispielsweise in eine andere Wohnung ziehen, weil sie die alte, von Gregor ausgesuchte, nun als unpraktisch und zu groß empfinden. Darin zeigt sich die Undankbarkeit, denn zuvor haben sie diese Wohnung und die damit verbundenen Annehmlichkeiten gerne angenommen.


Überhaupt denkt keiner zurück, sondern nur nach vorne. Die Eltern denken nun sogar an eine Verlobung der Tochter, weil ihnen nun erst auffällt, dass sie zur Frau geworden ist.

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Kirsten Schwebel

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