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Der Sandmann: Augenmotiv

Geschrieben von: Dennis Rudolph
Donnerstag, 20. Juli 2017 um 21:39 Uhr

Die Augen sind neben dem Feuer ein wesentliches Motiv von E.T.A. Hoffmanns Erzählung Der Sandmann, denn über den Blick werden zum einen die Personen charakterisiert und zum anderen geht es um das richtige bzw. beeinflusste Sehen.

Betrachtet man sich Nathanaels Leben, dann stellt man fest, dass das Augenmotiv bereits in seiner frühen Kindheit eine Rolle spielt. Immer bevor der alte Advokat Coppelius abends kommt, um mit dem Vater geheime alchimistische Versuche durchzuführen, werden Nathanael und seine Geschwister mit der Geschichte vom Sandmann, der den müden Kindern Sand in die Augen streut, von der Mutter ins Bett geschickt. Gesteigert wird diese Geschichte dann durch die Version der Amme, bei der der Sandmann ein böser Mann ist, der den Kindern die Augen ausreißt, um sie seinen eigenen Kindern zu fressen zu geben. Nathanael denkt nun, wenn er die schweren Schritte des Advokaten auf der Treppe hört, dass der böse Sandmann kommt.

Dass er diesen nicht sehen darf, steigert seine Angst vor ihm und weckt später seine Neugier, ihn einmal anzuschauen. Die Gelegenheit dazu ergibt sich, als er etwa zehn Jahre alt, da er nun ein eigenes Zimmer auf dem Gang hat und sich unbemerkt hinausschleichen kann. Unerlaubterweise bricht der das Sehverbot und schleicht sich in das Büro seines Vaters, wo er in einem Versteck auf den vermeintlichen Sandmann wartet. In seiner Phantasie hat sich die Figur aus dem Ammenmärchen zu einer Art Teufelsgestalt gesteigert, die überall, wo sie auftaucht, Unheil und Verderben bringt. Als er nun Coppelius sieht, der für ihn der Teufel in Menschengestalt ist, ist es für ihn nur logisch, dass dieser der teuflische Sandmann ist.


So bösartig, wie Nathanael den Advokaten sieht, ist er auch. Als er den kleinen Nathanael entdeckt, droht er ihm damit, ihm die Augen auszureißen und sie für die Experimente mit dem Vater zu benutzen. Dies traumatisiert den Jungen so sehr, dass er ohnmächtig wird und danach längere Zeit krank ist. Jemandem die Augen zu nehmen, heißt nicht nur, dass derjenige danach blind ist und die Welt nur eingeschränkt wahrnehmen kann, sondern es bedeutet ebenfalls, dass man ihm ein Teil seiner Seele nimmt. Die Augen sind nämlich die Fenster der Seele, was heißt, dass über sie Emotionen erkannt und gezeigt werden. Wer keine Augen mehr hat, kann also Gefühle nur noch eingeschränkt ausdrücken und bei anderen nur schwer wahrnehmen. Daher bedeutet eine Beeinflussung der Augen auch eine Beeinflussung der Gefühle einer Person, wie man es in der Erzählung an Nathanael sieht.


Als Coppola erneut zu ihm kommt und sein Sortiment an Brillen vor Nathanael aufbaut, kommt es dem Studenten so vor, als ob tausende Augen ihn anstarren und ihre Blicke ständig zucken. Es fühlt sich für ihn an, als ob blutrote Strahlen direkt in seine Brust schössen und er erleidet einen kurzen Wahnsinnsanfall. Diese Szene erinnert an sein Gedicht, wo es Claras Augen sind, die wie Glutkörner in seine Brust springen und ihn wahnsinnig machen.


Nachdem er Coppola das Taschenfernrohr abgekauft hat, schaut er damit zu Olimpia. Ihre anfänglich starren und toten Augen erscheinen ihm immer lebendiger, je länger er sie durch das Perspektiv betrachtet. Außerdem drängt sie Clara in seinem Herzen in den Hintergrund, denn statt den Brief an sie zu beenden, den er gerade schreibt, schaut er ständig hinüber zu Olimpia, die ihm so schön wie ein Engel vorkommt. Bis zu diesem Zeitpunkt war Clara immer sein holder Engel.


Diese Glückseligkeit ist allerdings nur von kurzer Dauer. Denn als Nathanael zur Vorlesung zu Spalanzani geht, muss er feststellen, dass die Glastür zu Olimpias Zimmer verhängt ist und auch als er von seiner Wohnung zu ihr hinüberschaut, sind an den Fenstern die Vorhänge zugezogen. Dieses Sehverbot hat die gleiche Wirkung wie das seiner Kindheit: Er wünscht sich nichts sehnlicher, als das Verbotene zu sehen. Sein Verlangen nach Olimpia steigert sich in den folgenden zwei Tagen so sehr, dass er Clara komplett vergisst und nur noch an seine neue Liebe denken kann.

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Augenmotiv Der Sandmann Teil 2


Sehen kann er Olimpia dann während eines Balls bei Spalanzani, an dem er seine Tochter in die Gesellschaft einführt. Olimpia singt gerade mit einer Stimme, die an eine schneidende Glasglocke erinnert, ein Lied, als Nathanael den Ballsaal betritt. Um sie besser zu sehen, schaut er durch sein Taschenfernrohr, das nun wieder seine Wahrnehmung beeinflusst. Plötzlich meint er, dass Olimpia ihn voller Sehnsucht ansieht und ihr Gesang erscheint ihm wie eine feurige Liebeserklärung an ihn. Als er ihr später am Abend seine Liebe gesteht und sie ihn die ganze Zeit anschaut, da meint Nathanael sogar, dass sich in ihren Augen alles spiegelt, was ihn ausmacht. Er glaubt, seine Seelenverwandte gefunden zu haben.


Dies bestätigt sich für ihn bei seinen folgenden Besuchen. Er liest Olimpia alles vor, was er jemals geschrieben hat und ist entzückt davon, dass sie ihm so intensiv zuhört. Er meint, dass ihr Blick immer glühender und lebendiger wird. Im Gegensatz zu Clara beschäftigt sie sich nie mit anderen Dingen und gibt auch keine Widerworte. In ihren Seufzern kann Nathanael nur Zustimmung lesen. Er erkennt dabei aber nicht, dass es nicht der Gleichklang ihrer Seelen ist, den er spürt, sondern dass er nur sich selbst in ihr sieht. Er projiziert sein ganzes Sein auf die passive Puppe und hat deshalb auch keinerlei Zweifel an ihrer Echtheit.

Daher ist es für ihn auch ihr Blick, der entscheidend für ihre Gefühle ist und nicht die Worte, die gesprochen werden, denn Olimpia sagt kaum mehr als „Ach – Ach – Ach!“. So meint er schließlich, dass ihr Blick ihm gesagt hat, dass sie ihn genauso gerne heiraten möchte wie er sie, weshalb er ihr einen Antrag machen will.


Als er mit dem Verlobungsring bei Spalanzani ankommt, streitet sich dieser mit Coppola um Olimpia. Erst als Nathanael sie ohne Augen sieht, erkennt er, dass sie nur eine Puppe ist. Spalanzani gibt dann auch noch zu, dass Nathanael manipuliert wurde, indem er sagt, dass sie ihm die Augen gestohlen hätten. Außerdem wirft er ihm Olimpias Augen gegen die Brust. Das ist zu viel für Nathanael und er erleidet einen heftigen Wahnsinnsanfall. Sein gesamtes Weltbild ist mit einem Mal zerstört. Eben meinte er noch seine Seelenverwandte gefunden zu haben und im nächsten Moment muss er erkennen, dass die ganzen tiefen Gefühle nicht echt waren. Von daher ist sein Zusammenbruch nicht weiter verwunderlich. Auch hier sind es wieder die Augen, die direkt in seine Brust gehen und dadurch den Wahnsinn auslösen.


Als Nathanael geheilt ist, liebt er Clara wieder mehr denn je und will sie heiraten. Sie besteigen den Rathausturm, um sich die Gegend anzuschauen. Dabei sieht Nathanael durch sein Taschenfernrohr und seine Wahrnehmung wird erneut beeinflusst. Als er zufällig Clara dadurch betrachtet, wird er erneut wahnsinnig und meint seine Verlobte sei eine Puppe. Um nicht wieder getäuscht zu werden, will er die vermeintliche Puppe zerstören und vom Turm werfen.

Dies kann Lothar zwar verhindern, aber Nathanael kann sich nicht beruhigen. Als er dann noch in der Menge den Advokaten Coppelius erbklickt, springt er vom Turm in den Tod und ruft dabei „Sköne Oke“ wie Coppola. Das heißt, für ihn sind sie ein und dieselbe Person und der unheilbringende Teufel Coppelius hat Nathanael das Verderben gebracht, wie er es schon immer gewusst hat.

Autorin: Kirsten Schwebel

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