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Der Sandmann: Interpretation und Analyse

Geschrieben von: Dennis Rudolph
Donnerstag, 20. Juli 2017 um 21:35 Uhr

In E.T.A. Hoffmanns Erzählung Der Sandmann wird der junge Student Nathanael Opfer dunkler Mächte und tötet sich am Ende vom Wahnsinn gepackt selbst, indem er von einem Turm springt. Wie es so weit kommen konnte, erklären wir hier in unserer ausführlichen Interpretation / Analyse der gesamten Erzählung. Die Interpretation folgt der Handlung und geht besonders auf die Beziehungen zwischen Nathanael und den anderen Charakteren ein.

Die Erzählung beginnt unvermittelt und ohne Vorrede mit einem Brief von Nathanael an Lothar. Da kein Personenverzeichnis vorangestellt ist, weiß der Leser nicht, wer diese Personen sind. Bereits nach den ersten Zeilen wird aber deutlich, dass Nathanael an seine Familie schreibt, da er von seiner Mutter und seiner geliebten Clara spricht. Er entschuldigt sich dafür, dass er so lange nicht geschrieben hat und beteuert gleichzeitig, dass er ständig an seine Lieben daheim gedacht hat.

Der Grund dafür, dass er sich nicht gemeldet hat, ist etwas Entsetzliches, das er erlebt hat und seine Gedanken gefangen genommen hat. Nathanael kommt nun aber nicht schnell auf den Punkt, was denn dieses Entsetzliche eigentlich ist, sondern er beschreibt erst genau, was in ihm vorgeht und lässt Lothar so an seinen Gedanken und Gefühlen teilhaben. Dann beschreibt er das Schlimme, das in einer alltäglichen Begegnung besteht: Ein Wetterglashändler (Optiker) war bei ihm und hat seine Waren angeboten. Nathanael hat nichts gekauft, sondern ihn rausgeworfen.


Im folgenden Abschnitt geht er darauf ein, dass die Ungehörigkeit dieser Begegnung in seiner Kindheit liegt und er hofft, dass seine Lieben ihn auslachen, damit er weiß, dass alles eigentlich harmlos ist und er es als zu schlimm einschätzt. Er wünscht sich demnach, dass er zu emotional reagiert hat und setzt auf die Rationalität seiner Familie. Außerdem geht er davon aus, dass Lothar auch Clara von seinem Brief erzählt, da er auch auf ihre Reaktion auf die Vorfälle eingeht.
Dann erzählt er ausführlich von seiner Kindheit, obwohl anzunehmen ist, dass Lothar als sein Ziehbruder (das erfährt man allerdings erst später) über das meiste bereits Bescheid weiß. Nathanael berichtet davon, dass er und seine Geschwister ihren Vater tagsüber nur wenig gesehen haben, da er arbeiten musste. Nach dem Abendessen saßen sie aber in dessen Arbeitszimmer zusammen und der Vater erzählte ihnen tolle Geschichten. Da waren alle sehr glücklich.

Es gab aber auch Abende, an denen der Vater schweigsam war und viel rauchte. Auch die Mutter war dann traurig und die Kinder mussten pünktlich um neun nach oben ins Bett gehen. Sie sprach dann davon, dass der Sandmann käme und tatsächlich hörte man kurz darauf schwere Schritte die Treppe heraufkommen. Für Nathanael ist dieser Sandmann eine böse Figur, weil er ihn vom geliebten Vater entfernt. Als er seine Mutter aber genauer nach diesem fragt, leugnet sie seine Existenz und sagt, dass er nur eine Erfindung von ihr sei und sie damit meint, dass die Kinder vor Müdigkeit die Augen nicht mehr offen halten können. Dies sei, als hätte jemand Sand hineingestreut. Für Nathanael ist diese Antwort unbefriedigend, da er spürt, dass die Mutter ihm nicht die Wahrheit sagt. Schließlich hört er den Sandmann immer auf der Treppe.

Deshalb fragt die Kinderfrau seiner Schwester nach ihm. Sie erzählt ihm daraufhin eine schreckliche Geschichte von einem bösen Sandmann, der den Kindern, die nicht ins Bett gehen wollen, so lange Sand in die Augen wirft, bis diese blutig aus ihrem Kopf herausfallen. Dann stecke er die Augen in einen Sack und werfe sie im Mond seinen Kinder zum Fraß vor, welche sie dann mit ihren krummen Schnäbeln aufpickten. Diese schlimme Geschichte verstärkt seine Angst vor dem Sandmann, so dass er voller Panik in sein Zimmer rennt und nachts von Albträumen geplagt wird, wenn er die schweren Schritte auf der Treppe hört.


Nathanael ist davon dermaßen traumatisiert, dass der Sandmann, auch als er schon älter ist und nicht mehr an das Märchen der Kinderfrau glaubt, eine schreckliche Gestalt bleibt. Dies liegt auch daran, dass er den vermeintlichen Sandmann immer noch nicht sehen darf und er nun weiß, dass dieser böse Mann etwas mit seinem Vater in dessen Arbeitszimmer macht. Er traut sich aber nicht, seinen Vater einfach danach zu fragen, stattdessen malt er sich in seiner Phantasie allerlei aus.


Seine Neugier, diese schreckliche Gestalt einmal zu sehen, steigt mit den Jahren. Als er zehn Jahre alt ist, bietet sich ihm auch endlich die Gelegenheit dazu. Er hat jetzt nämlich ein eigenes Zimmer auf dem Flur und kann daraus unbemerkt hinausschleichen. Er versteckt sich also eines Abends im Büro seines Vaters und verbirgt sich in hinter dem Vorhang eines Schranks. Er sieht seinen Vater zusammen mit dem vermeintlichen Sandmann hereinkommen. Dieser ist in Wirklichkeit der alte Advokat Coppelius, der öfters mit der Familie zu Mittag ist.

Für Nathanael ist dieser Mann nicht weniger schrecklich als der Sandmann seiner Phantasie, denn bei Coppelius handelt es sich um einen teuflisch aussehenden Kinderhasser, der ihm und seinen Geschwistern gerne jede Freude verdirbt und sie nur als kleine Bestien bezeichnet. Beschweren darf Nathanael sich allerdings nicht, da sein Vater sich dem Advokaten gegenüber geradezu devot verhält. Dies zeigt, dass Coppelius über diesem steht und das Sagen hat.


Als Nathanael nun an diesem Abend sieht, dass die beiden Männer geheime alchemistische Versuche an einem versteckten Herd durchführen, erschrickt er so sehr, dass er völlig entsetzt aus seinem Versteck herauskommt. Als Coppelius ihn sieht, schnappt er ihn sich und droht, ihm Glutkörner in die Augen zu streuen, ganz wie es der Sandmann aus dem Märchen mit den Sandkörnern macht. Der Vater kann dies gerade noch verhindern, indem er Coppelius anfleht, seinen Sohn zu verschonen. Stattdessen meint Nathanael, dass der Advokat ihm nun die Arme und Beine abschraubt und woanders wieder festmacht. Dann wird er ohnmächtig und als er erwacht, ist er so stark traumatisiert, dass er längere Zeit an hohem Fieber erkrankt.


Coppelius kommt nach diesem Vorfall etwa ein Jahr nicht wieder, um dann plötzlich vor der Tür zu stehen. Direkt legt sich über alle ein dunkler Schatten und der Vater verspricht, dass dies das letzte Treffen sein werde. Damit hat er Recht, denn er kommt an diesem Abend bei einer Explosion auf tragische Weise ums Leben. Coppelius verschwindet darauf spurlos, bis Nathanael meint, ihn in dem Wetterglashändler vom Anfang seines Briefes erkannt zu haben. Aufgrund seiner Traumata und dem schlimmen Tod des Vaters ist es nicht verwunderlich, dass dieses Ereignis Nathanael so aufwühlt. Auch sein Wunsch danach, dass Coppelius nicht Coppola ist, ist nur allzu gut nachvollziehbar, da dies sonst bedeuten würde, dass Coppelius unter falschem Namen gekommen ist, um nun auch ihn genauso ins Verderben zu stürzen wie seinen Vater.


Zum Abschluss des Briefs beteuert Nathanael, dass er den Tod des Vaters rächen will, was ein Widerspruch zum Anfang des Briefs ist, da er dort davon sprach, dass sein Leben feindlich zerstört wurde. Er hat sich also beim Schreiben aus seiner Passivität herausentwickelt hin zum aktiven Bekämpfen. Dass er sich an die Ereignisse seiner Kindheit noch mal so genau vor Augen geführt hat, hilft ihm aus seiner anfänglichen Schockstarre.


Abschließend bittet er Lothar noch, der Mutter nichts vom Erscheinen des bösen Coppelius zu berichten, was heißt, dass Lothar in Kontakt zu ihr steht. Nathanael sorgt sich um sie, da sie dem Advokaten die Schuld am Tod ihres Mannes gibt und er nun befürchtet, dass dieses Ereignis alte Wunden aufreißt. Er will aber alles Schlechte von ihr fernhalten.

Der Antwortbrief , der nun folgt, ist allerdings nicht von Lothar, wie man es eigentlich erwarten würde, sondern von Clara, da Nathanael seinen Brief versehentlich an sie adressiert hat anstatt an ihren Bruder Lothar. Dass die beiden Geschwister sind, ist für den Leser eine neue Information in Bezug auf das Beziehungsgefüge der Erzählung.

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Interpretation und Analyse Teil 2


Clara rechtfertigt sich zu Beginn des Briefs, weshalb sie ihn gelesen hat, obwohl er nicht für sie bestimmt war. Nathanael hat keine Anrede benutzt, deswegen ist ihr erst aufgefallen, dass er für Lothar war, als sie dessen Namen im Fließtext gelesen hat. Der Anfang hat sie aber dermaßen erschüttert, dass sie weiterlesen musste. Dieses Emotionale scheint sonst nicht so ihre Art zu sein, denn Nathanael hält sie für sie sehr ruhig und besonnen. Auch haben Clara und er sich nicht näher über seine Kindheit unterhalten, da Clara bis zu diesem Brief gar nicht wusste, wie der Vater gestorben ist. Daran sieht man, dass ihre Liebe wohl doch nicht so tief geht, da Clara über diese elementaren Dinge nicht Bescheid weiß. Es liegt aber sicher auch an ihrer rationalen Art, denn die Geschichte hat sie zwar erschüttert, aber nicht so sehr, dass nachts wach gelegen hätte. Ihre Sorge um Nathanael ist also nicht so groß, was sie dann auch explizit schreibt. Bereits ein Tag später ist sie heiter und unbefangen wie eh und je, obwohl sie weiß, dass sie ihr Geliebter sich bedroht fühlt.


Sie erklärt ihm dann ganz rational, dass sie die schlimmen Kindheitserlebnisse mit Coppelius nicht für real hält. Sie sind ihrer Meinung nach nur Einbildungen, die dadurch genährt wurden, dass Coppelius Kinder nicht mochte. Hinzu kommt noch, dass Nathanael in seiner kindlichen Phantasie den bösen Sandmann aus dem Ammenmärchen mit Coppelius gleichgesetzt und er den Unmut der Mutter gegenüber den nächtlichen geheimen Versuchen gespürt hat. Clara ist auch fest davon überzeugt, dass der Vater seinen Tod selbst durch seine eigene Unvorsichtigkeit verursacht hat. Sie weiß nämlich vom Apotheker, dass bei chemischen Versuchen tödliche Explosionen passieren können.


Nun fürchtet sie aber, dass Nathanael denken könnte, dass sie gänzlich gefühlskalt ist und im Gegensatz zu ihm keinen Zugang zum Wunderbaren und Geheimnisvollen hat. Sie erklärt ihm, dass dies nicht so ist, sondern sie stark an eine dunkle Macht im Innern glaubt. Allerdings gewinnt sie nur an Kraft, wenn man auch an sie glaubt und ihr einen Platz im Innern einräumt. Steht man aber mit beiden Beinen fest im Leben und blickt positiv in die Zukunft, dann haben dunkle Mächte keine Chance einen vom Weg abzubringen.


Clara hat auch mit Lothar über das Wirken dieser Mächte gesprochen und er teilt ihre Meinung dazu und ist außerdem der Meinung, dass man manchmal diese inneren Mächte auf eine äußere Figur (hier Coppelius) überträgt. Von dieser glaubt man dann, sie wolle einen verderben, dabei handelt es sich nur um Projektionen.


Abschließend bittet sie Nathanael noch darum, nicht an die feindliche Macht zu glauben, damit sie nicht real wird. Sie will eigentlich über die ganze Sache scherzen, tut es aber aus Respekt gegenüber den Ängsten ihres Geliebten nicht. Das zeigt, dass sie ihn eigentlich nicht ernst nimmt und ihn nicht versteht. Da sie ihn aber liebt, versucht sie es und will sein Schutzengel sein, der die dunklen Gedanken fortlacht, vor denen sie keine Angst hat. Diesen Tipp gibt sie auch ihrem Geliebten, denn er soll heiter sein.

Nathanael schreibt nach diesem Brief wider Erwarten nicht an Clara sondern erneut an Lothar. Der Grund dafür ist, dass er sich über ihren Brief geärgert hat. Er möchte nicht von ihr belehrt werden und es missfällt ihm auch, dass Lothar mit ihr über ihn gesprochen hat. Er möchte keine Frau, die selbst denkt und widerspricht, daher fordert er auch von Lothar, es in Zukunft zu unterlassen, mit Clara über solch philosophische Themen wie innere böse Mächte zu sprechen.
Dann informiert er Lothar, dass er bei einem neuen Professor mit Namen Spalanzani Physikvorlesungen hört und dieser seinen italienischen Landsmann Coppola schon lange kennt, so dass Coppola nicht Coppelius sein kann. Dies kann Nathanaels Zweifel an Coppolas Identität aber nicht ganz ausräumen, weshalb er froh ist, dass dieser laut dem Professor gerade nicht in der Stadt ist.


Nach einer Beschreibung Spalanzanis erzählt Nathanael seinem Freund von der Tochter des Professors, die er zufällig durch eine Glastür gesehen hat. Er findet sie wunderschön, aber ihm fällt auf, dass ihre Augen sehr starr blicken, fast so als wäre sie blind. Seltsam findet er, dass der Professor Olimpia einsperrt und niemanden zu ihr lässt, weshalb er vermutet, dass sie geistig behindert sein könnte. Dass er sie überhaupt erwähnt und ihre Schönheit lobt, obwohl er in Clara verliebt ist, zeigt bereits, dass die Liebe zu Clara wahrscheinlich doch nicht so unerschütterlich ist, wie er selbst glaubt.


Abschließend teilt er Lothar mit, dass er in zwei Wochen nach Hause zu Besuch kommen wird. Er hat nämlich Sehnsucht nach Clara und ist sich sicher, dass er nicht mehr böse auf sie sein wird, sobald er sie sieht.

Nach diesen drei Briefen meldet sich das erste Mal der Erzähler zu Wort. Er sagt von sich, dass er ein Freund Nathanaels ist und umschmeichelt den Leser. Damit will er bewirken, dass ihm eher geglaubt wird. Zum einen hat er damit eine Nähe zum Geschehen, was den Wahrheitsgehalt erhöht, da er miterlebt hat, was passiert ist und zum anderen versucht er sich den Leser geneigt zu machen. Den Erzähler drängt es von Nathanael zu erzählen, obwohl er nicht gefragt worden ist. Außerdem hat er mit dem Anfang der Erzählung gerungen, aber alles wieder verworfen. Schließlich hat er sich entschlossen, die drei Briefe voranzustellen. Erhalten hat er diese von Lothar, der ebenfalls zu seinen Freunden zählt. Damit rückt der Erzähler noch näher an die Familie und das Geschehen und wirkt noch glaubhafter in Bezug auf das Wunderliche, das er erzählen will.

Auf diesen Exkurs folgt die eigentliche Handlung, die mit dem Kennenlernen von Lothar, Clara und Nathanael beginnt. Die Geschwister Lothar und Clara sind weitläufig mit Nathanael verwandt und dessen Mutter hat die beiden nach dem Tod ihrer Eltern bei sich aufgenommen. Clara und Nathanael haben sich verliebt und sind mittlerweile verlobt. Durch diese Information kennt der Leser nun die ganze Familienstruktur, die sich in den Briefen nur angedeutet hat.
Statt nun aber direkt weiterzuerzählen, wird Clara ganz genau beschrieben. Sie ist keine Schönheit, aber ebenmäßig gewachsen. Sie hat blonde Haare und strahlend blaue Augen. Von ihrer Art her ist sie eher schweigsam, dabei aber heiter und unbefangen und hat einen scharfen Verstand. Sie ist also ganz anders als ihr gefühlsbetonter Verlobter. Als dieser, wie in seinem letzten Brief angekündigt, nach Hause kommt, fallen sich beiden in die Arme und jede Unstimmigkeit ist verflogen.


Nach der ersten Wiedersehensfreude, bemerkt die Familie aber rasch, dass Nathanael sich verändert hat. Er spricht häufig davon, dass das Leben jedes Einzelnen von dunklen Mächten beeinflusst wird und man gegen dieses Schicksal nichts machen kann. Er ist also davon überzeugt, dass die Menschen nur Marionetten eines höheren Prinzips sind. Ausgelöst wurde diese Sichtweise durch die Begegnung mit dem Wetterglashändler, da er Coppelius als ein solch feindliches Prinzip, das ihn ins Verderben stürzen will, betrachtet. Er meint, ein Dämon habe in seiner Kindheit, als er seinen Vater und Coppelius beobachtet hat, Besitz von ihm ergriffen und dass dieser nun seine Liebe mit Clara zerstören werde.


Clara kann mit Nathanaels Sichtweise wenig anfangen, wobei sie ihm aber zustimmen muss, dass zu befürchten steht, dass Coppelius ihre Liebe zerstört, weil ihr Verlobter an ihn als feindliches Prinzip glaubt und ihm dadurch Macht gibt. Dies verletzt wiederum Nathanael, der Clara darauf die ganze mystische Lehre von Teufeln und bösen Mächten näherbringen will. Aber sie will das nicht hören und bricht das Gespräch dann zu seinem Ärger immer ab. Auch seine Dichtungen, die er verfasst, hört sie nicht mehr gerne an, denn statt der früheren lebendigen Erzählungen schreibt er nun langweilige düstere Gedichte. Die beiden entfernen sich so immer mehr voneinander und ihre Liebe ist nicht in der Lage diesen Gegensatz zu überbrücken.


Nathanael ist förmlich besessen von der Vorstellung des bösen Coppelius, sodass er ein Gedicht darüber verfasst. Darin ist er gerade im Begriff Clara zu heiraten, als Coppelius auftaucht und Claras Augen berührt. Darauf springen diese als blutige Funken in Nathanaels Brust. Coppelius ergreift ihn und wirft ihn in einen gewaltigen Feuerkreis, wo er dann Claras Stimme hört, die ihm sagt, dass sie ihre Augen noch hat und er getäuscht wurde. Der Feuerkreis verschwindet und Nathanael schaut in Claras Augen, in welchen er aber den Tod sieht. Voller Inbrunst liest er Clara das Gedicht vor.

Er erhofft sich davon, dass ihn nun endlich versteht, aber das Gegenteil ist der Fall. Sie ist tief erschüttert und bittet ihn, das wahnsinnige Gedicht zu verbrennen. Nathanael verletzt diese Reaktion so sehr, dass er ihr vorwirft eine leblose Automatenpuppe zu sein. Damit meint er, dass sie keinerlei Gefühl und Empathie besitzt. Auch Clara fühlt sich unverstanden und weint, als ihr Verlobter davonstürmt.


Als Lothar seine Schwester völlig aufgelöst vorfindet und sie ihm erzählt hat, was passiert ist, wird ihr Bruder zornig und stellt Nathanael zur Rede. Beide ereifern sich und beschimpfen sich derart, dass der Streit in ein Duell auf Leben und Tod am nächsten Vormittag münden soll. Dies war damals üblich, um die eigene Ehre zu verteidigen bzw. wieder herzustellen.


Clara bekommt das alles mit und stürzt weinend auf Turnierplatz, kurz bevor die beiden aufeinander losgehen. Sie will, dass sie selbst zuerst getötet wird, weil sie nicht weiß, wie sie weiterleben soll, wenn einer der beiden geliebten Menschen tot ist und zudem auch noch von dem anderen ermordet wurde. Dies bringt beide zur Einsicht, da sie Clara beide lieben. Nathanael wirft sich ihr sogar zu Füßen und bittet sie um Verzeihung. Das wiederum rührt Lothar und alle drei liegen sich in den Armen und schwören sich ewige Verbundenheit.


Für Nathanael ist Claras Gefühlsausbruch wie eine Befreiung, der ihn wieder zur Besinnung bringt. Er hat das Gefühl, als ob die finstere Macht, die ihn beherrscht hat, verschwunden ist. Er scheint von seinen wahnsinnigen Vorstellungen geheilt zu sein und verbringt noch drei wunderbare Tage zu Hause, bevor zu seinem letzten Studienjahr an die Universität zurückkehrt.


Der Mutter erzählen die drei nichts von den Ereignissen und erst recht nichts von Coppelius, da sie diesem die Schuld am Tod des Vaters gibt. Dies zeigt, dass sie sie lieben und nicht aufregen wollen. Jeglicher Ärger soll von ihr ferngehalten werden. Allerdings ist anzunehmen, dass sie etwas mitbekommen hat, da Nathanael während seines Besuchs völlig verändert gewesen ist und ihr das sicher nicht verborgen geblieben ist.

Interpretation und Analyse Teil 3


Als Nathanael zurück in seiner Studienstadt ist, muss er feststellen, dass das Haus, in dem seine Wohnung liegt, abgebrannt ist. Das Feuer ist im Labor der unten gelegenen Apotheke ausgebrochen. Seine Freunde waren aber noch in der Lage, seine Sachen aus der Wohnung zu retten und haben ihm ein neues Zimmer besorgt. Dieses liegt genau gegenüber von Spalanzanis Wohnung und Nathanael kann von seinem Fenster in Olimpias Zimmer schauen. Ihm kommt das alles nicht merkwürdig vor, der Erzähler deutet aber an, dass dies ein paar Zufälle zu viel sind und da wohl jemand seine Finger mit im Spiel hatte. Nathanael schaut zwar öfter zu Olimpia hinüber und findet sie zwar schön, aber sie ist ihm im Gegensatz zu Clara viel zu starr.


Als er gerade einen Brief an Clara schreibt, kommt der Wetterglashändler Coppola erneut zu ihm. Da er nun eingesehen hat, dass dieser nicht Coppelius ist, bittet er ihn freundlich zu gehen. Coppola tut aber genau das Gegenteil und geht einfach in Nathanaels Zimmer. Dadurch missachtet er sowohl seine Privatsphäre als auch seine Bitte. Dort packt er dann sein ganzes Sortiment an Brillen aus und legt sie auf Nathanaels Tisch. Das Funkeln der Gläser kommt ihm vor wie lauter Augen, die ihm wie blutrote Strahlen in die Brust fallen. Das führt bei ihm zu einem kurzen Wahnsinnsanfall, der aber sofort aufhört, als Coppola seine Brillen wieder wegpackt. Stattdessen holt er nun lauter verschiedene Perspektive (Fernrohre) heraus, die gar nicht gespenstisch oder gar bedrohlich erscheinen. Nathanael denkt an die Erklärungen seiner rationalen Verlobten und ist sich nun sicher, dass der kurze Anfall aus seinem Innern kam und rein gar nichts mit Coppola zu tun hatte. Er geht sogar so weit, dass er diesem ein Perspektiv abkaufen will, weil er schlechtes Gewissen ihm gegenüber hat.


Er sucht sich ein kleines Taschenfernrohr aus und schaut damit aus dem Fenster, um es zu testen. Es ist extrem gut und als er zu Olimpia schaut, erkennt er ihr Gesicht gestochen scharf. Ihre anfangs starr wirkenden Augen, erscheinen ihm immer lebendiger, je länger er sie betrachtet. Er kann sich kaum von ihrem Anblick losreißen und bezahlt schnell das geforderte Geld an Coppola, um ihn loszuwerden. Dieser wirft Nathanael merkwürdige Blicke zu und lacht draußen auf der Treppe laut. Nathanael interpretiert dies so, dass Coppola lacht, weil er ihn übers Ohr gehauen hat und er zu viel Geld bezahlt hat.

Er bemerkt nicht, dass seine Sicht durch das Perspektiv derart manipuliert wurde, dass er die leblose Automatenpuppe nicht als solche erkennt, sondern sie nun für ein echtes Mädchen hält. Er ist zudem dermaßen von Olimpia verzaubert, dass er nicht in der Lage ist, den Brief an Clara fertig zu schreiben. Stattdessen schaut er so lange durch das Perspektiv zu Olimpia hinüber, bis ihn sein Freund und Bruder Siegmund zur Vorlesung bei Spalanzani abholt. Nathanael hofft, dort einen kurzen Blick auf sie erhaschen zu können, aber er sieht sie nicht. Als er wieder zu Hause ist, verbringt er die beiden folgenden Tage am Fenster, aber Olimpia ist nicht in ihrem Zimmer und am dritten Tag werden sogar die Vorhänge zugezogen.


Dieses Sehverbot, das an das seiner Kindheit in Bezug auf den Sandmann erinnert, ist für ihn schrecklich, da Nathanael in großer Liebe zu ihr entbrannt ist. Seine Sehnsucht steigert sich so weit, dass er sie in Gedanken ständig vor sich sieht. An Clara verschwendet er keinen einzigen Gedanken, obwohl er mit ihr verlobt ist und sie aufrichtig geliebt hat. Sie ist aus seinem Herzen wie ausgelöscht und es ist nur noch Platz für Olimpia. Von Siegmund erfährt er dann, dass Spalanzani am nächsten Tag einen Ball geben will, um seine Tochter offiziell in die Gesellschaft einzuführen. Die halbe Universität ist dazu eingeladen, so auch Nathanael.


Aufgeregt geht er hin und ist als einziger wie verzaubert von der schönen Olimpia. Vor dem eigentlichen Ball gibt sie ein Konzert. Sie spielt zuerst den Flügel und singt danach eine Arie. Die Gäste empfinden ihre Stimme als schneidend und unangenehm, während Nathanael, nachdem er seine Geliebte durch Coppolas Perspektiv betrachtet hat, erst deutlich erkennt, wie sie voller Sehnsucht zu ihm schaut und ihr Gesang dringt nun tief in sein Herz. Das Perspektiv verklärt seinen Blick noch weiter, da es jetzt nicht mehr nur Olimpias Augen sind, die plötzlich voller Leben und Gefühl sind, sondern auch ihre Stimme ist es. Gesteigert wird dies beim jetzt folgenden Ball.


Nathanaels sehnlichster Wunsch ist es, mit Olimpia zu tanzen. Als er ihre Hand berührt erscheint sie ihm zunächst eiskalt und tot. Als er aber in ihre Augen sieht, die für ihn bereits lebendig sind, ist es, als ob sich diese Lebendigkeit auch auf ihre Hände überträgt. Sie sind nun warm und damit voller Leben. Diese wachsende Lebendigkeit Olimpias bewirkt bei Nathanael jedes Mal eine Steigerung seiner Liebe zu ihr. Nachdem er lange mit ihr getanzt hat, hat er nun auch das Bedürfnis, ihr diese Liebe zu gestehen, wobei Olimpia ihn unverwandt anschaut und ab und zu seufzt. Dies interpretiert Nathanael als Tiefgründigkeit und Spiegel seiner eigenen Gefühle. Dass er nur sich selbst sieht, da er seine Gefühle auf sie projiziert, versteht er nicht, da er durch Coppolas Perspektiv derart manipuliert wurde, dass er in Bezug auf Olimpia jede Objektivität verloren hat.


In seiner Begeisterung bemerkt Nathanael nicht das Ende des Balls und dass alle bereits gegangen sind. Als er es aber feststellt, kann er sich fast nicht von seiner Geliebten losreißen, weshalb er sie küsst. Hier verhält es sich ähnlich wie bei den Händen, denn ihre anfänglich eiskalten Lippen, die eher die einer Toten sind, werden in dem Kuss warm und lebendig. Nun wünscht Nathanael sich nichts sehnlicher, als dass Olimpia ihm ebenfalls sagt, dass sie ihn liebt, aber sie gibt immer nur „Ach, ach!“ von sich. In seiner Verklärung bemerkt Nathanael das aber nicht, sondern hält es für Zustimmung. Den Gipfel der Glückseligkeit erreicht er an diesem Abend, als der Professor ihm beim Abschied erlaubt, seine Tochter zukünftig zu besuchen und ihr den Hof zu machen. Darin zeigt sich die Skrupellosigkeit Spalanzanis, der bedenkenlos bereit ist, die Täuschung weiter aufrechtzuerhalten und damit Nathanaels seelisches Gleichgewicht weiter zu gefährden.


Sein Student ahnt jedoch nichts von der Durchtriebenheit seines Professors, sondern schwebt auf Wolke sieben. Daran kann auch die Kritik Siegmunds und der anderen Studenten an seiner Geliebten nichts ändern. Seinen Freunden kommt Olimpia wie eine Maschine vor, die zwar hübsch, aber sonst geistlos und ohne Leben ist. Sie haben sogar das Gefühl, dass sie ein inneres Räderwerk hat und ihre Augen keine Sehkraft haben. Trotz dieser ganzen Indizien ziehen sie aber dennoch die Echtheit Olimpias nicht in Zweifel und lassen sich ebenfalls täuschen, wenn auch nicht so stark wie Nathanael. Er verteidigt sie dann auch direkt und erklärt, dass nur ihm als poetischem Menschen ihre Tiefgründigkeit und Liebe zugänglich wäre im Gegensatz zu seinen prosaischen Freunden. Damit stellt er sich selbst über sie, da er behauptet, dass nur er als Dichter die Welt sieht, wie sie wirklich ist. Siegmund nimmt ihm das aber nicht übel, sondern warnt Nathanael und verspricht ihm, treu zu ihm zu stehen. Er hat nämlich das Gefühl, dass sich sein Freund auf einen dunklen Weg begeben hat.


Nathanael ist dagegen im siebten Himmel, da er nun endlich das Gefühl hat, eine Seelenverwandte gefunden zu haben. Er liest Olimpia alles vor, was er jemals gedichtet hat und ist voller Freude, dass sie ihm so unverwandt zuhört, ohne sich nebenbei mit etwas anderem zu beschäftigen wie Clara immer. Es stört ihn auch nicht, dass sie fast gar nichts spricht, denn ihr glühender Blick ist ihm wichtiger als Worte. In seiner Einbildung meint er aber, dass Olimpia sehr tiefgründig über seine Werke gesprochen hat, so als ob sie aus seinem Innern spräche. Darin sieht man seine extreme Selbstverliebtheit. Die einzige Person, die er wahrhaft liebt und begehrt ist also er selbst. Clara und der Rest seiner Familie sind komplett aus seinem Herzen und seinen Gedanken verbannt. Er merkt gar nicht, dass er nur noch um sich selbst kreist.


Gefördert wird seine Sichtweise von Spalanzani, der ihm immer wieder zu verstehen gibt, wie froh er über die Liebschaft der beiden ist. Auch als Nathanael andeutet, Olimpia heiraten zu wollen, deckt der Professor den Schwindel nicht auf, sondern ermutigt den jungen Mann, seiner vermeintlichen Tochter einen Antrag zu machen. Nathanael will dies gleich am nächsten Tag in die Tat umsetzen. Er erhofft sich dann, dass sie ihre Liebe zu ihm deutlich ausspricht, auch wenn er durch ihre Blicke schon weiß, dass sie ihn liebt.Er sucht zu Hause einen Ring heraus, den ihm seine Mutter zum Abschied geschenkt hat. Dabei fallen ihm Briefe von Clara und Lothar in die Hände, die er aber achtlos beiseitelegt. Dies zeigt, dass nicht einmal etwas, das Nathanael direkt an seine Familie erinnert, seinen Liebeswahn stören kann.


Als er mit dem Ring bei Spalanzanis Haus ankommt, hört er aus dessen Arbeitszimmer einen heftigen Streit zwischen dem Professor und Coppelius. Sie erheben beide Besitzansprüche auf die Puppe und sind jeweils der Meinung, dass ihr eigener Beitrag von größerer Bedeutung ist und daher dem anderen die Puppe nicht zusteht. Spalanzani hat das Räderwerk hergestellt und Coppelius die Augen. Nathanael erschrecken die Stimmen und er eilt ins Zimmer. Dort sieht er aber nicht Coppelius sondern Coppola, der eine weibliche Gestalt an den Füßen hält, während Spalanzani sie an den Schultern gepackt hat. Erst auf den zweiten Blick erkennt er, dass es sich um seine geliebte Olimpia handelt. Als er sie retten will, schafft es Coppola die Puppe an sich zu reißen und schlägt Spalanzani mit ihr nieder. Dann wirft er sie sich über die Schulter und rennt unter grässlichem Gelächter davon.


Nathanael erkennt nun, dass seine Geliebte nur eine Puppe ist, da er gesehen hat, dass sie keine Augen hat. Denn ihre Augen waren das Lebendige an ihr. Durch sie hat Olimpia mit ihm gesprochen, in ihnen haben sich ihre Lebendigkeit und ihre Liebe gezeigt. Nathanael muss nun entdecken, dass er getäuscht wurde.


Spalanzani wälzt sich währenddessen in Glasscherben auf dem Boden und obwohl er stark blutet, denkt er nur daran, die Puppe wiederzubekommen. Deshalb fordert er Nathanael auf, sie ihm zurückzubringen und Coppola, den er nun Coppelius nennt, hinterherzueilen. Das zeigt, dass Nathanael sich am Anfang der Erzählung wohl nicht getäuscht hat, als er in dem Wetterglashändler Coppola den alten Advokaten Coppelius erkannt hat. Auch seine Befürchtungen, dass dieser erst seinem Vater und nun ihm das Verderben bringen will, hat sich dadurch bewahrheitet.


Spalanzani sagt, dass er zwanzig Jahre an der Puppe geforscht und das Räderwerk, die Sprache und den Gang entwickelt hat. Dann erklärt er, dass Coppelius Nathanael die Augen gestohlen habe. Damit gibt er zu, dass der junge Student böswillig getäuscht und manipuliert wurde. Er wirft Nathanael noch Olimpias Augen zu, damit er die Puppe wiederherstellen kann. Nathanael fängt sie aber nicht, so dass sie gegen Brust fliegen. Das bewirkt einen heftigen Wahnsinnsanfall, der an die Situation in dem Gedicht erinnert, das er geschrieben hat. Er ruft auch „Dreh dich Feuerkreis“ und wie in seinem Gedicht bedeutet dies einen Wahnsinnsanfall. Der Verlauf ist so heftig, dass er versucht den Professor zu erwürgen, aber durch den Lärm angelockte Leute können dies verhindern und Spalanzanis Wunden werden versorgt. Der brüllende und tobende Nathanael wird dagegen in eine Nervenheilanstalt gebracht.

An dieser Stelle meldet sich wieder der Erzähler zu Wort und spricht den Leser erneut persönlich an. Er unterbricht die Geschichte, um dem Leser mitzuteilen, dass er sich keine Sorgen um Spalanzani machen muss, da dessen Wunden vollständig verheilt sind. Er hat also keine Schäden davongetragen, aber er musste die Universität wegen Betrugs verlassen. Olimpia hatte beispielsweise erfolgreich Teezirkel besucht, ohne aufzufallen. Diese werden sehr ironisch dargestellt, denn sie scheinen sehr langweilig zu sein. Die Damen gähnen dort häufig und scheinen sich nicht zu unterhalten, denn sonst hätte auffallen müssen, dass Olimpia fast nichts sprechen kann und somit keine echte Frau ist.

Die Folge in der Gesellschaft ist, dass Männer von ihren Freundinnen verlangen, das stereotypisch weibliche Verhalten abzulegen. Das heißt, die Frauen sollen nun so sprechen, dass deutlich wird, dass sie denken und fühlen. Außerdem ist es erwünscht auch mal außer Takt zu tanzen oder zu singen und Nebenbeschäftigungen beim Vorlesen, wie beispielsweise sticken oder mit einem Schoßhund spielen, sind hocherwünscht. Damit ändert sich das Frauenbild der Gesellschaft, denn vorher wurde von den Damen Zurückhaltung und Zuhören erwartet – also ein Verhalten, wie es eine Puppe hat.


Die Unterbrechung der Handlung durch den Erzähler endet mit dem Hinweis, dass Spalanzani durch das Verlassen der Universität keine weiteren strafrechtlichen Konsequenzen zu befürchten hat und auch Coppola untergetaucht ist. Auffallend ist an dieser Stelle, dass es keine Rolle spielt, dass Nathanael systematisch in den Wahnsinn getrieben wurde. Man kann von einer böswilligen Zerstörung seiner Psyche sprechen, die aber mit keinem Wort erwähnt wird. Stattdessen geht es um Teezirkel. Darin zeigt sich, dass die Gesellschaft sehr selbstbezogen ist, denn nur der eigene verletzte Stolz durch den Betrug ist von Bedeutung.

Ohne einen weiteren Übergang geht jetzt die eigentliche Handlung der Erzählung wieder weiter und setzt ein, als Nathanael gesund zu Hause erwacht. Clara, seine Mutter und Lothar sind bei ihm. Dann kommt auch Siegmund dazu und alle freuen sich, dass die schwere Zeit vorbei ist. Das Glück steigert sich noch eine unverhoffte Erbschaft. Die Mutter erhält ein beträchtliches Vermögen und ein Landhaus vor der Stadt. Dorthin wollen die Mutter, Clara, Nathanael und Lothar ziehen und die Verlobten wollen in Kürze heiraten. Alles scheint nun perfekt zu sein und die schlimmen Ereignisse sind vergessen. Eigentlich könnte die Erzählung hier im Stile eines Märchens enden: und sie lebten glücklich bis an ihr Ende. Aber es geht noch weiter.


Kurz vor ihrem Umzug sind die vier in der Stadt unterwegs und Clara möchte gerne vom Rathausturm aus die Gegend betrachten. Es steigen aber nur Nathanael und Clara nach oben, während Lothar unten wartet und die Mutter schon mal nach Hause geht. Clara macht ihren Verlobten dann auf einen merkwürdigen grauen Busch aufmerksam, der sich zu bewegen scheint. Um diesen genauer zu betrachten, zieht Nathanael Coppolas Perspektiv hervor, das er seltsamerweise immer mit sich herumträgt. Allerdings steht Clara im Weg und als er sie so riesenhaft vergrößert sieht, kehrt der Wahnsinn mit großer Heftigkeit zurück.

Das Fernrohr beeinflusst nun erneut Nathanaels Sicht und zwar diesmal umgekehrt wie bei Olimpia. Vorher hat er gemeint die Puppe sei lebendig und nun meint er Clara sei eine Puppe. Deshalb will er sie gleich zerstören und sie über das Geländer werfen. Dies kann aber Lothar gerade noch verhindern, indem er nach oben eilt, als er die Hilferufe seiner Schwester hört, und sie dem Rasenden im letzten Moment entreißt. Er trägt die mittlerweile ohnmächtig gewordene Clara nach unten. Nathanael lässt er aber im Stich, denn er organisiert weder Hilfe noch versucht er ihn zu beruhigen.


Währenddessen steigert sich Nathanaels Wahnsinn immer weiter und er schreit wieder „Feuerkreis dreh dich“, was auch hier wie ihm Gedicht und in Spalanzanis Büro seinen Wahnsinn anzeigt. Unten sind in der Zwischenzeit viele Leute zusammengelaufen und wollen nach oben, um den Tobenden einzufangen. Unter ihnen ist auch Coppelius, der aus der Menge herausragt. Er lacht nur hämisch und sagt, dass Nathanael schon von selbst runter kommen wird. Damit hat er völlig recht, denn als Nathanael ihn erblickt, stürzt er sich vom Turm in den Tod. Dabei schreit er noch „Sköne Oke“. Das hat Coppola zu ihm gesagt, als er ihm seine Brillen angepriesen hat.

Mit diesem Ausruf macht Nathanael deutlich, dass er weiß, dass Coppola und Coppelius dieselbe Person sind und er macht diesen zu Recht für seinen Untergang verantwortlich. Coppelius scheint das aber nicht zu berühren, denn er verschwindet schnell im Gewühl.


Die Erzählung endet recht vage mit Claras Glück, das sie wohl noch gefunden hat. Es ist die Rede davon, dass sie wahrscheinlich einige Jahre später vor einem Landhaus mit ihrem Mann und den zwei Söhnen gesehen worden ist. Wer sie gesehen hat und warum der Erzähler keinen Kontakt mehr zu ihr hat, bleibt offen. Die Schlussfolgerung daraus ist aber, dass sie nun doch noch das Glück gefunden hat, nach dem sie gesucht hat und dass Nathanael ihr das nie hätte geben können, weil er innerlich immer zerrissen war. Clara suchte aber die Beständigkeit.


Es bleibt am Ende offen, inwiefern Nathanaels Tod Clara, die Mutter und Lothar betroffen und vielleicht auch verändert hat. Clara scheint es nicht sehr tief zu treffen, sondern sie hat alles anscheinend schnell überwunden und ist seitdem heiter, wie es ihrem Naturell entspricht. Auch der Erzähler selbst sagt nichts dazu, wie es ihm damit geht oder was, die tragische Geschichte Nathanaels für Folgen hat. Es fehlt auch, was der Leser nun damit anfangen soll. Soll er eine Erkenntnis haben? Soll er auf der Hut sein? Soll die Existenz dunkler Mächte bewiesen werden? Vielleicht von allem ein bisschen.


Autorin: Kirsten Schwebel

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