Der Sandmann: Nathanael - Charakterisierung 

Geschrieben von: Dennis Rudolph
Donnerstag, 28. Dezember 2017 um 18:52 Uhr

Nathanael ist der träumerische Protagonist der Erzählung. Er ist offen für das Wunderbare und extrem selbstbezogen. Dem rationalen Denken ist er nur bedingt aufgeschlossen, da für ihn das Gefühl zählt. Die folgende Charakterisierung zeigt diese Facetten seiner Persönlichkeit.

Der Name Nathanael ist die hebräische Variante des lateinischen Theodor und bedeutet so viel wie Geschenk Gottes. Die Namensgebung ist sicherlich als eine Anspielung Hoffmanns auf den Genie-Kult der Romantik und des Sturm-und-Drang zu sehen.

Die Dichter dieser Epochen sahen sich nämlich als von Gott ausgesuchte Künstler, denen die Gabe des Dichtens von Gott geschenkt wurde. Durch sein Gefühlsbetontheit und Offenheit für das Wunderbare entspricht Nathanael ebenfalls diesem Bild des Romantikers.


Er ist ein junger Mann, der in der Stadt G. Physik bei dem berühmten Professor Spalanzani studiert und in seiner Freizeit Gedichte schreibt. Aufgewachsen ist er mit mehreren Geschwistern bei seinen Eltern. Jedoch kommt der Vater bei geheimen alchemistischen Versuchen ums Leben, als Nathanael elf Jahre alt ist. Diese führt der Vater zusammen mit dem abstoßenden Advokaten Coppelius durch, den Nathanael für den Sandmann hält, da er immer mit einer Sandmanngeschichte ins Bett geschickt wird, wenn dieser zu Besuch kommt.

Einmal hat Nathanael sich im Büro seines Vaters versteckt und sieht, dass der Sandmann der Advokat Coppelius ist. Dieser entdeckt ihn und jagt ihm große Angst ein, indem er ihm Hände und Füße ab- und wieder anschraubt und sagt, dass er ihm die Augen stehlen will. Der Vater kann letzteres zwar verhindern, aber Nathanael trägt ein Trauma von diesem Erlebnis davon.


Seine Ängste und Wahnvorstellungen projiziert er als erwachsener Student auf den Wetterglashändler Coppola, in dem er den Advokaten Coppelius erkannt haben will. Dies weckt seine alten Kindheitsängste, führt aber auch dazu, dass Nathanael es mit Coppelius aufnehmen will, um den Tod des Vaters zu rächen.

Er ahnt, dass von dieser Person ein Unheil für ihn ausgeht, was sich am Ende durch seinen Selbstmord bewahrheitet. Er ist der einzige, der diese Gefahr erkennen kann, was auch an seiner Überzeugung liegt, dass es neben der tatsächlichen Realität noch eine zweite Wirklichkeit gibt, die nicht mit den Sinnen und dem Verstand wahrgenommen werden kann, sondern nur durch Ahnung und Gefühl. Er kann diese zweite Welt dank seiner hohen künstlerischen Vorstellungskraft betreten.

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Charakterisierung Nathanael Teil 2

Umgekehrt ist rationalen Menschen – wie seiner Verlobten Clara – ist der Zugang hierzu verwehrt. Nathanaels Sicht auf die Welt führt aber auch zur Isolation, da er in seinem Umfeld mit seinen Ansichten allein ist und er auch nicht verstanden wird. Dies zeigt sich insbesondere da, als er versucht, Clara die Mystik näherzubringen. Sie hat aber keinen Zugang dazu und langweilt sich, was Nathanael als Gefühlskälte interpretiert.


Verständnis findet er dagegen bei der stillen Automatenpuppe Olimpia, die ihm stets aufmerksam zuhört und keine eigene Meinung hat. Dieses widerspruchslose Anhören seiner Gedanken und Gefühle sieht Nathanael als Zustimmung und höchste Erfüllung. Er merkt nicht, dass Olimpia nur eine Puppe ist, weil er sich auf sie projiziert und daher meint, eine Seelenverwandte gefunden zu haben. Das, was er eigentlich findet, ist aber nur er selbst. Darin zeigt sich seine große Ich-Bezogenheit und Selbstverliebtheit.


Sein Gefühlsleben ist durchweg von Extremen geprägt. So ist Coppelius teuflisch, Clara sein liebes süßes Engelsbild und Olimpia die himmlisch-schöne Frau. Wenn jemand anderer Meinung als er selbst ist, dann wendet Nathanael sich von dieser Person ab. Dies sieht man daran, dass ihn Claras Widerworte und Belehrungen von ihr entfremden und auch als sein Freund Siegmund sich wegen seiner Liebe zu Olimpia wundert, zieht er sich zurück und konzentriert sich stattdessen verstärkt auf seine Angebetete.


Die Vermischung von Fantasie und Wirklichkeit sowie Nathanaels überschäumende Gefühle treiben ihn am Ende in den Tod. Hoffmann zeigt an dem Protagonisten, dass eine extreme romantische Weltsicht zu Isolation und in Nathanaels Fall in letzter Konsequenz zum Tod führt.

Autorin: Kirsten Schwebel

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