Woyzeck: Szenenanalyse / Interpretation Szene 16, 17 und 18

Geschrieben von: Dennis Rudolph
Mittwoch, 05. Februar 2020 um 20:53 Uhr

In Georg Büchners Drama „Woyzeck“ wird der arme und geistig verwirrte Soldat Franz Woyzeck zum Mörder von Marie Zickwolf, seiner Geliebten und Mutter ihres gemeinsamen unehelichen Sohnes Christian, weil sie ihn mit dem Tambourmajor betrogen hat. Hier findet ihr eine ausführliche und auf jede Szene eingehende Interpretation des Dramas. Die Reihenfolge der Szenen folgt der Lese- und Bühnenfassung von Reclam. Auf Zitate wurde aufgrund von abweichenden Seiten- und Zeilenzahlen in den verschiedenen Ausgaben weitestgehend verzichtet.

Woyzeck: Szenenanalyse Übersicht:

Szene 16 – Marie. Das Kind. Der Narr

Marie ist in ihrem Zimmer und liest Bibelstellen, die sich mit Betrug und Ehebruch befassen und in denen der Sünderin vergeben wird. Sie liest von der Ehebrecherin und von der Sünderin, die Jesus die Füße wäscht und denen Jesus beide ihre Sünden vergibt. Marie erkennt, dass sie keine Vergebung erlangen kann, da sie ihre Sünde (den Betrug) in Zukunft nicht lassen kann.

Aber sie wünscht sich, dass sie zumindest beten kann. Sie weiß also, dass sie falsch handelt und sehnt sich nach Vergebung, aber umgekehrt weiß sie auch, dass ihr diese versagt bleibt, weil sie ihr Verhalten nicht ändern wird. Sie kann das Verhältnis mit dem Tambourmajor nicht beenden, da die Faszination, die er auf sie ausübt, zu stark ist.


Als Christian zu ihr kommt, erinnert er sie an seinen Vater Woyzeck, was ihr wieder ihren Treuebruch vor Augen führt und ihr schlechtes Gewissen weiter nährt. Daher schiebt sie das Kind von sich weg. Ein nicht näher beschriebener Narr ist auch da und gibt Märchenfetzen von sich; er nimmt das Kind in den Arm und schweigt dann. Marie fällt nun auf, dass Woyzeck bereits seit zwei Tagen nicht mehr bei ihr war und ist beunruhigt, da er sonst öfter vorbeischaut.

Der Gedanke an ihn führt ihr ihre Schuld noch deutlicher vor Augen und sie fährt fort in der Bibel zu lesen. Dabei wird ihr bewusst, dass sie sich durch ihren Treuebruch innerlich tot fühlt, weil sie dadurch den letzten Rest Anstand verloren hat. Deshalb kommt erneut der verzweifelte Wunsch nach göttlicher Vergebung in ihr auf.

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Szene 17 – Kaserne. Andres. Woyzeck

Woyzeck schenkt Andres in ihrer Stube seinen gesamten privaten Besitz, was zeigt, dass er bereits mit seinem Leben abgeschlossen hat. Er hat eine Jacke, ein Kreuz und einen Ring von seiner Schwester sowie ein goldverziertes Heiligenbild aus der Bibel seiner Mutter, auf dem zwei Herzen drauf sind. An den wenigen Sachen sieht man, wie arm er ist.

Er besitzt lediglich vier Gegenstände, von denen er drei von seiner Familie bekommen hat. Auf dem Heiligenbild steht noch ein Spruch, der ein Lobpreis auf das Leiden ist. Das trifft Woyzecks jetzige Situation sehr gut. Auch er ist voller Leid und erwartet nicht, dass sich daran etwas ändert. Woyzeck selbst bezieht den Spruch aber auf seine Mutter, die alt und blind ist. Sie merkt nur noch, „wenn ihr die Sonn auf die Händ scheint“ (S. 34, Z. 1f).


Dass er Andres seine Sachen vermacht, zeigt, dass dieser nach Marie sein engster Vertrauter ist. Er kommt sogar noch vor seiner Familie, denn sonst hätte er seine Sachen zu seiner Mutter oder Schwester schicken können. Andres ist diese Freundschaft aber nicht wert, da er immer noch nicht realisiert, dass sein Kamerad keine normale Krankheit hat. Er nimmt auch dessen Besitz entgegen, ohne nachzufragen, weshalb er alles verschenkt. Es wird aber auch deutlich, dass er überfordert ist, da er zu allem zu „ja, wohl“ (S. 34, Z. 3) sagt.


Als Woyzeck ein Papier aus der Tasche zieht und vorliest, erfährt man, dass er Füsilier (d.h. bewaffneter Fußsoldat) und 30 ½ Jahre alt ist. Allerdings fällt auf, dass die Berechnung nicht stimmt. Er ist an Mariä Verkündigung geboren, was am 25. März gefeiert wird, rechnet man aber zurück, so kommt man auf den achten Dezember, das ist Mariä Empfängnis. Vielleicht soll durch diesen Fehler Woyzecks Kirchenferne zum Ausdruck gebracht werden.


Andres ist mittlerweile doch etwas beunruhigt und meint wieder, dass Woyzeck Fieber hat. Er empfiehlt ihm daher erneut, sich krank zu melden und seine Krankheit mit Schnaps und fiebersenkendem Pulver zu bekämpfen. Den Ernst der Lage hat er immer noch nicht begriffen. Woyzeck geht nicht weiter darauf ein, sondern erklärt lediglich, dass man nie wissen kann, wann man stirbt. Das ist eine Anspielung auf den geplanten Mord und die Todesstrafe, die er bekommen würde, falls man ihn erwischt.

Szene 18 – Marie mit Mädchen vor der Haustür

Marie befindet sich mit einigen Mädchen vor dem Haus und singt. Die Kinder singen Abzählreime und bitten Marie für sie zu singen, als ihnen ihr Spiel keinen Spaß mehr macht. Marie tut ihnen den Gefallen und bittet dann die Großmutter – wessen bleibt unklar – ein Märchen zu erzählen.

Diese tut es und erzählt eine negative Variante von Sterntaler: Es war einmal ein armes Kind, das hatte weder Vater noch Mutter. Alle waren tot und es gab niemanden mehr auf der Welt. Deshalb weinte das Kind Tag und Nacht. Da auf der Erde niemand mehr war, wollte es in den Himmel gehen, wo der Mond es so freundlich ansah. Als es aber endlich zum Mond kam, war dieser ein Stück faules Holz. Es ging weiter zur Sonne, diese war eine verwelkte Sonnenblume.

Also ging es zu den Sternen. Als es dort ankam, sah es, dass sie kleine aufgespießte goldene Mücken waren – als ob ein Neuntöter (ein Vogel) sie auf Schlehen gesteckt hätte. Da wollte das Kind wieder auf die Erde, sah aber, dass die Erde ein umgestürzter (Nacht-) Topf war und es ganz allein war. Da setzte es sich hin und weinte. Und da sitzt es noch heute und ist ganz allein.


Im Grimmschen Märchen gibt es auch ein Waisenkind. Es hat keinen Besitz mehr außer den Kleidern, die es anhat und einem Stück Brot als Wegzehrung. Das Kind geht im Vertrauen auf Gott in die Welt und verschenkt seine wenigen Sachen an noch ärmere Menschen. Da fallen nachts die Sterne als Goldstücke vom Himmel, die es nur noch aufsammeln muss. Hier wird also die gute Tat der Freigiebigkeit von Gott belohnt. Die Armut war nur eine Prüfung, bei der der Lohn am Ende größer ist als es das Opfer zuvor war. Im Märchen der Großmutter findet sich kein positiver Aspekt.

Das Kind ist ebenfalls verlassen und arm, erhält aber am Ende keinerlei Lohn. Es hat auch gar nicht die Möglichkeit etwas Gutes (oder auch Schlechtes) zu tun, weil es nichts Lebendiges findet. Am Ende steht es sogar noch schlechter da als am Anfang. Daher kann man die Geschichte als Anti-Märchen bezeichnen. Im Handlungsverlauf des gesamten Stücks steht es an einer dramaturgisch wichtigen Stelle, kurz vor der Wendung zur Katastrophe. Damit kann man die Situation im Märchen einerseits als Vorausdeutung in Bezug auf Christians Schicksal sehen, denn auch er wird in Kürze weder Vater noch Mutter haben.

Andererseits kann man es auch auf die Situation der kleinen Leute beziehen, die von der Oberschicht ausgebeutet und schlussendlich vernichtet werden. Dies wird im Drama exemplarisch an der Figur des Woyzeck gezeigt.


Sobald die Großmutter ihr Märchen zu Ende erzählt hat, taucht unvermittelt Woyzeck auf und ruft nach Marie. Da sie ihn nicht hat kommen sehen, erschreckt sie sich und will wissen, was los ist. Woyzeck sagt ihr lediglich, dass sie mit ihm kommen soll, weil es Zeit sei.

Wofür erklärt er ihr nicht und sie fragt auch nicht danach. Sie will nur wissen, wohin sie gehen werden und Woyzeck antwortet, dass er es nicht weiß. Offensichtlich vertraut Marie ihm, da sie nicht weiter nachfragt und mit ihm geht. Sie erwartet von ihm auch nicht, dass er ihr etwas antun könnte, obwohl das ja genau sein Plan ist.

Er ist allerdings nicht gut vorbereitet, weil er zwar ein Messer hat, aber sich keine Gedanken darüber gemacht hat, wo ein geeigneter Platz für sein Vorhaben ist. Dabei kann nicht von einer Affekthandlung die Rede sein, da er insofern planvoll vorgeht, als dass er zuvor noch seinen Nachlass geregelt hat.

Woyzeck: Szenenanalyse Übersicht:


Autorin: Kirsten Schwebel

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