Woyzeck: Szenenanalyse / Interpretation Szene 7, 8 und 9

Geschrieben von: Dennis Rudolph
Mittwoch, 05. Februar 2020 um 20:53 Uhr

In Georg Büchners Drama „Woyzeck“ wird der arme und geistig verwirrte Soldat Franz Woyzeck zum Mörder von Marie Zickwolf, seiner Geliebten und Mutter ihres gemeinsamen unehelichen Sohnes Christian, weil sie ihn mit dem Tambourmajor betrogen hat. Hier findet ihr eine ausführliche und auf jede Szene eingehende Interpretation des Dramas. Die Reihenfolge der Szenen folgt der Lese- und Bühnenfassung von Reclam. Auf Zitate wurde aufgrund von abweichenden Seiten- und Zeilenzahlen in den verschiedenen Ausgaben weitestgehend verzichtet.

Woyzeck: Szenenanalyse Übersicht:

Szene 7 – Straße oder Gasse. Marie. Woyzeck

Kaum ist der Tambourmajor weg, kommt Woyzeck. Er hat Marie mit dem Tambourmajor gesehen und kann es nun kaum glauben, dass sie ihn betrogen hat. Er spricht davon, dass man ihr den Betrug ansehen müsste, aber er äußerlich nichts an ihr erkennen kann, was darauf hindeutet.

Sie ist ganz eingeschüchtert und versucht ihm einzureden, dass er Fieber hat. Ihre Ablenkungstaktik funktioniert aber nicht, denn Woyzeck wird daraufhin deutlicher und sagt ihr, dass er den Tambourmajor bei ihr gesehen hat. Marie macht erst Ausflüchte, wird dann aber forsch und meint, es wäre doch egal, wenn es so wäre. Damit wertet sie Woyzeck ab und macht deutlich, dass er sie in sexueller Hinsicht nicht mehr zufriedenstellt.

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Szene 8 – Woyzeck. Der Doktor

Woyzeck ist beim Doktor angekommen und wird von diesem sofort angefahren, weil er unten gegen eine Hauswand uriniert hat, anstatt seinen Urin einzuhalten und dem Doktor für Untersuchungen zur Verfügung zu stellen. Er verweist auf den Zusatzverdienst, den Woyzeck dadurch hat, worauf dieser anführt, dass sich die Natur nicht immer unterdrücken lässt.

Dieses Argument lässt der Doktor aber nicht gelten und bezieht sich auf seine Forschungen, in denen er belegt hat, dass der Schließmuskel dem eigenen Willen unterworfen ist. Da er getrieben davon ist, die Wissenschaft zu revolutionieren, sieht er in Woyzeck lediglich ein Versuchsobjekt, keinen Menschen mit Gefühlen.


Sein aktuelles Projekt ist ein Ernährungsexperiment, bei dem sein Proband nur Erbsen isst, weil er beweisen will, dass äußere Einflüsse Auswirkungen auf die Psychen haben. Eine Folge davon ist, dass man den Urin nicht mehr gut halten kann. Diese Tatsache interessiert den Doktor aber weniger, ihm geht es um die veränderte Zusammensetzung des Urins. Deshalb ärgert er sich auch so, dass Woyzeck draußen uriniert hat.

Er hält es ihm zum zweiten Mal vor, sagt aber im nächsten Satz, dass er sich nicht ärgert, weil das ungesund und unwissenschaftlich sei. Er will also auf der einen Seite der kühle Forscher sein, wird aber von seinem Drang, ein großer Wissenschaftler zu sein, überrollt. Gleichzeitig würdigt er Woyzeck herab, indem er ihn unter ein totes Versuchstier stellt und regt sich schon wieder auf.


Woyzeck ist daraufhin etwas verlegen und erzählt dem Doktor zutraulich von einer Stimme, die er gehört hat. Diese mentale Verwirrung weckt das Interesse des Doktors, so dass Woyzeck weiter Ausführungen über Schwämme (Pflanzen) macht. Der Doktor diagnostiziert freudig eine geistige Verwirrung und verspricht Woyzeck eine Zulage, wenn er weiter macht wie bisher. Dies zeigt wiederum die Skrupellosigkeit des Doktors, der seinen Probanden lieber weiter beobachten will, statt ihm zu helfen. Er nutzt dafür sogar dessen schlechte finanzielle Situation aus, indem er ihm mehr Geld verspricht, weil er weiß, dass Woyzeck es braucht.

Szene 9 – Straße oder Gasse. Hauptmann. Doktor

Der Hauptmann und der Doktor gehen gemeinsam eine Straße entlang. Während der Doktor schnell läuft, geht der Hauptmann langsam und mahnt auch den Doktor – ähnlich wie zuvor Woyzeck in Szene 5 – nicht so schnell zu laufen, da dies ein Anzeichen für ein schlechtes Gewissen sei. Er fasst den Doktor am Mantel, um ihm zu bremsen. Gleichzeitig erklärt er ihm, dass er ihm gerade das Leben gerettet habe, weil geschossen würde.

Dies zeigt die Ängstlichkeit des Hauptmanns, da er überall Gefahren wittert. Auch seine Melancholie bringt er zum Ausdruck, indem er sagt, dass es ihn schwermütig macht, wenn er seinen Mantel an der Wand hängen sieht. Dies bedeutet Untätigkeit und Langweile statt Beschäftigung, welche für den Hauptmann so wichtig ist (vgl. auch Szene 5).


Der Doktor betrachtet ihn nach diesen Ausführungen genauer und stellt fest, dass er Anzeichen eines bevorstehenden Schlaganfalls aufweist: aufgedunsen, fett, dicker Hals und eine generell schlechte Verfassung. Gleichzeitig verspottet er ihn, da er ihn zu einer seiner Versuchspersonen machen will, an der Experimente durchgeführt werden, die dem Probanden unsterblichen Ruhm bringen würden. Verbunden wäre das dann mit extremen Qualen.

Den ängstlichen Hauptmann erschreckt diese Vorstellung zunächst, aber dann tröstet er sich damit, dass die Leute von ihm sagen würden, dass er ein guter Mensch gewesen sei. An ihrem Disput merkt man, dass sie sich einerseits nicht leiden können, aber andererseits bereitet ihnen der kleine Schlagabtausch auch Freude, da sie bei auf demselben intellektuellen Niveau sind.


Am Ende ihrer Unterhaltung sticheln sie gegeneinander mit Wortspielen und wollen sich eigentlich verabschieden, als der Hauptmann Woyzeck erblickt und ihn ermahnt, sich nicht so zu hetzen. Er wechselt geschickt zu Maries Untreue über und macht Woyzeck gegenüber Andeutungen, die immer konkreter in Richtung des Tambourmajors gehen, betont aber, dass Marie im Gegensatz zu anderen Frauen treu sei. Damit verunsichert er Woyzeck, der ihn erst nicht versteht und hat ihn genau da, wo er ihn haben will.

Um Woyzeck weiter zu demütigen, wird der Hauptmann noch deutlicher und sagt, er habe um die Ecke ein sich küssendes Paar gesehen. Woyzeck läuft es heiß und kalt den Rücken herunter, er hofft immer noch, dass es ein Spaß ist. Der Hauptmann zerschlägt diese Hoffnung aber und nährt Woyzecks Verdacht gezielt weiter. Der Doktor freut sich währenddessen darüber, sein Versuchsobjekt genauer inspizieren zu können und stellt erfreut Woyzecks unregelmäßigen Puls sowie seine angespannte Körperhaltung fest.

Der Hauptmann weidet sich ebenfalls am Erfolg seiner Worte und meint auch noch boshaft zu Woyzeck, dass er es doch gut mit ihm meint, weil dieser ein guter Mensch sei. Genau das hat er ihm aber noch in Szene fünf abgesprochen und nur eingelenkt, weil er nicht mehr gegen Woyzecks Argumente ankam. Vermutlich will er sich jetzt dafür rächen. Sowohl der Hauptmann als auch der Doktor verhalten sich äußerst boshaft und freuen sich darüber Woyzeck leiden zu sehen. Seinen Sadismus versteckt der Doktor hinter Wissenschaftlichkeit und der Hauptmann hinter seiner angeblichen Sorge.


Woyzeck selbst ist jetzt irritiert und beginnt wirr zu reden. Er will schnell weg, aber der Doktor eilt ihm, getrieben von seinem Forscherdrang, hinterher und verspricht ihm eine weitere Zulage. Daran sieht man wieder sein mangelndes Einfühlungsvermögen und die Ignoranz gegenüber seinen Mitmenschen, da er keinerlei Mitleid mit Woyzeck hat. Für ihn zählt nur seine Wissenschaft.


Der Hauptmann bleibt allein zurück und sinniert wieder über Eile nach. Er meint, ein guter Mensch hat dankbar zu sein und das Leben zu lieben. Das bedeutet auch, sich im Krieg nicht mutig nach vorne zu werfen, sondern zu schauen, dass man am Leben bleibt. Dies erklärt auch, weshalb der Hauptmann nie über seinen jetzigen Rang hinausgekommen ist. Er hat keinen Ruhm in der Schlacht errungen, weil er nicht bzw. kaum gekämpft hat. Ihm ist sein gemütliches Leben lieber als hohe militärische Verdienste.

Woyzeck: Szenenanalyse Übersicht:


Autorin: Kirsten Schwebel

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