Kabale und Liebe: Aufbau

Geschrieben von: Dennis Rudolph
Mittwoch, 12. August 2020 um 15:43 Uhr

Dieser Artikel befasst sich mit dem Aufbau von Schillers Stück Kabale und Liebe. Es folgt weitestgehend dem klassischen aristotelischen Dramenaufbau: Der erste Akt ist die Exposition, der zweite die steigende Handlung mit erregendem Moment, im dritten findet sich der Höhe- und Wendepunkt, im vierten fällt die Handlung, wobei es aber noch zum retardierenden Moment kommt und der fünfte Akt beinhaltet die Katastrophe. Diese Dramentheorie erweitert Gustav Freytag im 18. Jahrhundert mit seinem Werk „Technik des Dramas“, worin er den pyramidalen Aufbau des Dramas darstellt. Schillers Stück liegt Freytags Theorie zugrunde. Deshalb erläutern wir euch diese an Schillers Drama und gehen dann nochmal auf die einzelnen Akte ein.


Gustav Freytags Theorie geht davon aus, dass ein Drama durch Spiel und Gegenspiel bestimmt ist. Bei Schiller sind die Spieler Luise und Ferdinand, die Gegenspieler sind Wurm, der Präsident, der Hofmarschall, die Lady und Miller. Dadurch wird das Drama auch in der Handlung in zwei Hälften geteilt, nämlich einmal in die Bemühungen, Ferdinand und Luise auseinanderzubringen und die verzweifelten Reaktionen der Liebenden darauf.


Die erste Hälfte des Dramas ist also vom Gegenspiel bestimmt und die zweite Hälfte vom Spiel, da Ferdinand hier die Initiative ergreift. Der Höhepunkt des Stücks verbindet die beiden Hälften untrennbar miteinander. Er liegt in der Mitte des Dramas und ist das Schreiben des Briefs an den Hofmarschall. Davor steigt die Handlung und danach fällt sie. Das Steigen zeigt sich in mehreren Stufen: 1. Der Präsident fordert die Hochzeit mit Lady Milford: Bekanntwerden der Verlobung und Zwingen des Sohnes zu einem Besuch bei ihr, 2. Lady Milford besteht auf der Hochzeit, 3. Der Präsident will Luise verhaften lassen, Ferdinand stellt sich gegen ihn, 4. Der Präsident verschwört sich mit Wurm und dem Hofmarschall.


Darauf folgt der Brief als Höhepunkt und die Handlung fällt in mehren Stufen: 1. Ferdinand konfrontiert den Hofmarschall, entschließt sich zur Rache an Luise und versöhnt sich mit seinem Vater, 2. Luise ist bei Lady Milford und verzichtet auf Ferdinand, die Lady verzichtet ebenfalls und verlässt den Herzog. Dann kommt es zum retardierenden Moment, als Miller seine Tochter vom Selbstmord abhält und Ferdinand Luise befragt. Das Drama endet in der Katastrophe, da Ferdinand Luise und sich tötet.

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Exposition

Im ersten Aufzug, der Exposition, wird der Leser in die Zeit und den Ort der Handlung eingeführt. Die Personen werden vorgestellt und die Handlung beginnt. Außerdem deuten sich hier bereits Konflikte und mögliche Handlungsstränge an.


Bei Kabale und Liebe spielt die Handlung in einem deutschen Fürstentum im 18. Jahrhundert. Die genauen Schauplätze sind das Haus des Stadtmusikanten Miller, zwei Säle im Palast des Präsidenten sowie ein Saal im Palast der Mätresse des Herzogs.


Direkt zu Beginn des Stücks wird der Konflikt deutlich gemacht, da die bürgerliche Tochter des Musikers ein Verhältnis mit dem adeligen Sohn des Präsidenten hat. Allmählich wird diese Tatsache in der Stadt bekannt und der Vater fürchtet, dass es bis zum Präsidenten durchdringt. Während seine Frau stolz auf diese Verbindung und auch die damit verbundenen Geschenke ist, will Miller Ferdinand wegschicken. Hier zeigt sich auch schon der zweite Konflikt zwischen Miller und seiner Frau.


Als nächstes wird Wurm, der Sekretär des Präsidenten und Verlobte von Luise, eingeführt, wobei sich direkt der nächste Konflikt zeigt. Wurm möchte Luise nämlich unbedingt heiraten und hofft auf die Unterstützung des Vaters. Miller lässt seiner Tochter innerhalb ihres Standes freie Partnerwahl und findet es nicht gut, dass Wurm Hilfe von ihm will. Seiner Meinung nach muss ein Mann direkt und ohne Umwege das Herz seiner Liebsten erobern. Außerdem verrät Frau Miller dem Sekretär, dass Ferdinand und Luise heiraten wollen.


Danach werden Ferdinand und Luise persönlich eingeführt, da sie sich im Haus der Millers treffen, und der nächste Konflikt wird deutlich. Dieser besteht zwischen den Liebenden und dem Präsidenten, der andere Pläne für seinen Sohn hat. Wie man in der nächsten Szene erfährt, soll Ferdinand Lady Milford, die Mätresse des Herzogs, heiraten. Außerdem wird Hofmarschall von Kalb eingeführt, der die geplante Hochzeit in der ganzen Residenz bekannt machen soll, um den Druck auf Ferdinand zu erhöhen.


Dann weicht das Stück vom klassischen Aufbau ab, da die Handlung jetzt bereits steigt, anstatt erst im zweiten Akt. Ferdinand wird nämlich von seinem Vater auf die Probe gestellt und er zwingt seinen Sohn dazu, die Lady zu besuchen.


Steigende Handlung

Im zweiten Akt steigt dann die Handlung (weiter), indem die Handlungsfäden verknüpft werden, Es kommt zu Intrigen und Interessenskonflikten, die die Handlung beschleunigen und die Spannung auf den Fortgang und das Ende des Geschehens steigern.


In Schillers Drama lernt der Zuschauer nun als erstes Lady Milford persönlich kennen und muss feststellen, dass sie eine warmherzige Frau ist, die die Verlobung mit Ferdinand eingefädelt hat, weil sie sich in ihn verliebt hat und sie mit ihm den Fürsten verlassen will. Über diesen erfährt man, dass er wortbrüchig ist, da er hinter dem Rücken seiner Favoritin Soldatenhandel betreibt, obwohl sie nur bei ihm geblieben ist, weil er versprochen hat, es zu unterlassen.


Ferdinand und die Lady begegnen sich das erste Mal und Ferdinand beleidigt sie, weil er sie auf keinen Fall heiraten will. Er wird dann aber von ihrer traurigen Lebensgeschichte erschüttert, die sie ihm anvertraut. Sie ist eine britische Waise und nur aus finanzieller Not zum Herzog gekommen. Dort hat sie aber ihren Einfluss genutzt, um vielen zu helfen. Als Ferdinand ihr gesteht, dass er Luise liebt, besteht sie dennoch weiter auf der Hochzeit, da seine Ablehnung ihrem Ruf schaden würde.


Miller fürchtet, dass Wurm mit dem Präsidenten gesprochen hat, weil an der Tür ein Diener des Ministers ist. Ferdinand ist dagegen nicht bereit, auf seine Liebe zu verzichten und schwört Luise erneut seine Treue und will ihre Liebe gegenüber seinem Vater durchsetzen. Dieser kommt gerade zur Tür herein und beleidigt Luise als Hure. Das will sich Miller nicht bieten lassen und will den Präsidenten rauswerfen.

Genau das hat dieser bezweckt, denn nun kann er Miller wegen Majestätsbeleidigung verhaften lassen und er will Luise an den Pranger stellen. Dies verhindert aber Ferdinand, indem er bereit ist, gegen die Gerichtsdiener zu kämpfen und seinem Vater schlussendlich droht, zu verraten, dass er seinen Vorgänger ermordet hat. Darauf lenkt der Präsident erst einmal ein.


Höhe- und Wendepunkt

Im dritten Aufzug befindet sich der Höhe- und Wendepunkt, der Einfluss auf das weitere Schicksal des Protagonisten hat. Es kommt zur entscheidenden Auseinandersetzung, an deren Ende entweder der Sieg oder die Niederlage des Helden steht.


Die Handlung spitzt sich immer weiter zu, da der Präsident und Wurm nun den Plan aushecken, Luise als untreu dastehen zu lassen, da sie wissen, wie eifersüchtig Ferdinand ist. Dafür soll sie einen Liebesbrief an den Hofmarschall von Kalb schreiben. Um sie dazu zu zwingen, wird man ihre Eltern verhaften. Den Hofmarschall zieht der Präsident auf seine Seite, indem er ihm sagt, dass Ferdinand weiß, dass sie beide den Vorgänger des Präsidenten ermordet haben. Außerdem stachelt er seine Eifersucht auf einen anderen an und malt ihm seine Zukunft düster aus, da er kein Einkommen mehr hat, sollte der Herzog ihn entlassen und der Präsident nicht mehr seine Hand über ihn halten.


Ferdinand plant währenddessen seine Flucht mit Luise. Als sie ihre Eltern nicht verlassen möchte, unterstellt er ihr einen Liebhaber. Luise sorgt sich in der Zwischenzeit um den Verbleib ihrer Eltern. Sie erfährt dann von Wurm, dass sie verhaftet wurden. Nun kommt es zum Höhepunkt des Stücks, denn sie schreibt den erzwungenen Brief und schwört, ihn als echt auszugeben, um ihre Eltern zu retten. Damit hat sie die Niederlage ihrer Liebe besiegelt.


Fallende Handlung mit retardierendem Moment

Im vierten Akt fällt die Handlung ab, aber die Spannung wird noch einmal durch das retardierende Moment gesteigert, in dem der sich abzeichnende Ausgang des Dramas in Frage gestellt wird. Bei „Kabale und Liebe“ kommt das retardierende Moment aber erst im fünften Akt. Hier weicht Schiller zum zweiten Mal vom klassischen Aufbau ab.


Ferdinand hat den Brief gefunden und zweifelt wie vorhergesehen an Luises Liebe. Er konfrontiert den Hofmarschall mit dem Brief und will sich mit diesem duellieren, aber dieser zieht sich feige aus der Affäre. Dann folgt die Versöhnung zwischen Ferdinand und seinem Vater, wobei letzter so tut, als ob er die Wahl seines Sohnes billigt.


Außerdem treffen im vierten Akt Luise und Lady Milford aufeinander. Während die Lady nicht bereit ist, auf Ferdinand zu verzichten, entsagt Luise ihm und kündigt ihren Selbstmord an. Die Lady ist von der Begegnung mit ihrer Rivalin so beeindruckt, dass sie sich auf ihre Tugend besinnt und den Herzog verlässt. Sie verteilt ihr Geld unter ihren Dienern, schreibt dem Herzog einen Abschiedsbrief und reist unter ihrem richtigen Namen, Johanna Norfolk, zu einem Wallfahrtsort in Italien, um sich von ihren Sünden zu befreien.

Katastrophe

Im fünften Akt findet sich die Lösung des Geschehens, die entweder in einer Katastrophe oder im Triumph des Helden mündet. Hier endet es mit ersterem. Der fünfte Akt beginnt mit dem retardierenden Moment, da Miller seine Tochter vom Selbstmord abhält, indem er an ihre Vaterliebe appelliert. Dann folgt ein zweites retardierendes Moment, als Ferdinand zu den Millers kommt und Luise befragt.

Die Spannung steigt, bis Luise den Brief als einen freiwilligen ausgibt und die Situation nicht auflöst. Ab da geht die Handlung unausweichlich der Katastrophe entgegen.
Ferdinand bestellt bei Luise Limonade und bezahlt dem Vater ein Blutgeld für seine Tochter. Als Luise mit der Limonade kommt, schickt er Miller mit einem Brief zu seinem Vater und vergiftet die Limonade.

Beide Liebenden trinken davon und sterbend gesteht Luise, dass sie zu dem Brief gezwungen wurde. Außerdem vergibt sie Ferdinand und legt ihm ans Herz, seinem Vater ebenfalls zu vergeben. In der letzten Szene kommen der Präsident, Wurm und Miller in das Haus des Musikers. Als Ferdinand seinen Vater damit konfrontiert, dass er schuld an Luises Tod ist, weist er das von sich und schiebt alles auf Wurm. Dieser will den Präsidenten mit in den Untergang treiben und alle dunklen Geheimnisse aufdecken. Nun stirbt auch Ferdinand und reicht seinem Vater mit letzter Kraft die Hand zur Versöhnung. Darauf ist der Präsident bereit sich gefangen nehmen zu lassen und der Vorhang fällt.

Autorin: Kirsten Schwebel



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