Nathan der Weise: Aufbau

Geschrieben von: Dennis Rudolph
Donnerstag, 28. Dezember 2017 um 18:52 Uhr

Dieser Artikel befasst sich mit dem Aufbau von Lessings Stück Nathan der Weise. Es folgt dem klassischen aristotelischen Dramenaufbau: Der erste Aufzug ist die Exposition, der zweite die steigende Handlung mit erregendem Moment, im dritten findet sich der Höhe- und Wendepunkt, im vierten fällt die Handlung, wobei es aber noch zum retardierenden Moment kommt und der fünfte Aufzug beinhaltet die Lösung des Konflikts.

Exposition

Im ersten Aufzug, der Exposition, wird der Leser in die Zeit und den Ort der Handlung eingeführt. Die Personen werden vorgestellt und die Handlung beginnt. Außerdem deuten sich hier bereits Konflikte und mögliche Handlungsstränge an.


Bei Nathan der Weise spielt die Handlung in Jerusalem zur Zeit des dritten Kreuzzuges. Jerusalem ist für alle drei monotheistischen Weltreligionen eine heilige Stätte und stark umkämpft. Die Macht hat Sultan Saladin inne und es herrscht gerade ein Waffenstillstand zwischen den Kreuzfahrern und dem Sultan.


Direkt zu Beginn wird Nathan als reicher Jude und vernünftig denkender Mensch eingeführt. Nathans Weisheit zeigt sich, als er Recha und ihre christliche Erzieherin Daja überzeugt, dass der Tempelherr, der Recha aus den Flammen gerettet hat, kein Engel sondern ein Mensch ist. Nach Nathans Familie tritt Nathans Freund, der Derwisch Al-Hafi, auf, der nun der Schatzmeister des Sultans ist und mit dieser Stellung nicht glücklich ist. Er hat sich von Saladin einwickeln lassen und muss nun Geld für ihn borgen, was ihm sehr unangenehm ist. Über Saladin erfährt man, dass er einerseits den Bettlern gegenüber sehr großzügig ist, aber er andererseits seine Untertanen auspresst, um seine Ausgaben tätigen zu können.

Nach dieser Einführung der Juden und Muslime werden nun die Christen vorgestellt. Der Klosterbruder wird einerseits als pflichtbewusster Diener des Patriarchen vorgestellt, aber andererseits macht er von Anfang an deutlich, dass er sich klar von diesem distanziert. Er legt dem Tempelherrn dessen Bitte und Ansichten offen dar und macht auch keinen Hehl daraus, wie erleichtert er ist, als der Tempelherr sich nicht auf den Verrat Saladins einlassen will. Damit wird der Tempelherr als Mann von Ehre eingeführt, da er dem, der ihn begnadigt hat, nicht seiner Kirche ausliefern will. Außerdem ist er durch die Rettung Rechas ein Held. Dies bestätigt auch, dass er keinen Dank und keine Belohnung dafür will. Allerdings ist er auch antisemitisch eingestellt, da er die Juden verachtet.


Auch einige Konflikte deuten sich im ersten Aufzug bereits an. So erfährt der Leser, dass es ein Geheimnis gibt, das Recha betrifft, und von dem nur Nathan und Daja wissen. Es stellt sich also die Frage, was es ist. Außerdem wird der Sultan vermutlich Geld von Nathan haben wollen, da dieser sehr reich ist und es deutet sich an, dass Nathan und der Tempelherr in Streit geraten könnten, da der Tempelherr nichts mit den Juden zu tun haben möchte, Nathan ihm aber umgekehrt unbedingt für die Rettung seiner Tochter danken will. Ein weiterer Handlungsstrang könnte sein, dass Recha sich in den Tempelherrn verliebt, weil sie so besessen von ihrem engelsgleichen Retter ist. Außerdem stellt sich die Frage, wie der Patriarch auf die Ablehnung des Tempelherrn reagiert, da er sehr verbissen und engstirnig ist.

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Steigende Handlung

Im zweiten Aufzug steigt dann die Handlung, indem die Handlungsfäden verknüpft werden, Es kommt zu Intrigen und Interessenskonflikten, die die Handlung beschleunigen und die Spannung auf den Fortgang und das Ende des Geschehens steigern.


Die Geldnot Saladins verschärft sich, da die Tempelherren den Waffenstillstand gebrochen haben und er allmählich nicht mehr weiß, wie er seine Soldaten bezahlen soll. Er erwartet zwar Gelder aus Ägypten, weiß aber nicht, wann diese endlich eintreffen. Seine Schwester Sittah verweist auf den reichen Juden Nathan, den sie durch eine List dazu bringen will, ihrem Bruder Geld zu leihen. Al-Hafi will das verhindern und warnt seinen Freund vor dem Sultan. Außerdem legt er, ohne Saladin zu informieren, sein Amt als Schatzmeister nieder und geht fort. Er kann den Dienst für Saladin nicht länger mit seinem Gewissen vereinbaren.


Nathan gelingt es, den Tempelherrn anzusprechen und seine Freundschaft zu erringen. Dieser legt nun seine antisemitische Haltung ab, da er mit Nathan darin übereinstimmt, dass es schlimm ist, anderen den eigenen Glauben mit Gewalt aufdrücken zu wollen. Dann wird Nathan zum Sultan gerufen und ist nun bereit, ihm auch Geld zu geben, da er seinen Freund, den Tempelherrn, begnadigt hat und er jetzt in dessen Schuld steht. Denn nur dadurch war es möglich, dass er Recha aus den Flammen retten konnte.


Höhe- und Wendepunkt

Im dritten Aufzug befindet sich der Höhe- und Wendepunkt, der Einfluss auf das weitere Schicksal des Protagonisten hat. Es kommt zur entscheidenden Auseinandersetzung, an deren Ende entweder der Sieg oder die Niederlage des Helden steht.


Die Handlung spitzt sich immer weiter zu, da der Tempelherr nun Recha besucht und sich direkt in sie verliebt, wobei sich die Gefühle bei Recha aber in Wertschätzung ändern. Währenddessen ist Nathan beim Sultan, der ihm eine Falle stellt, indem er ihn nach der wahren Religion fragt. Dies ist die entscheidende Auseinandersetzung, die Nathans weiteres Schicksal beeinflusst. Da er den Sultan durchschaut, beschließt er auszuweichen und erzählt am Höhepunkt des Dramas die Ringparabel, deren Fazit es ist, dass es nicht entscheidbar ist, welche die wahre Religion ist. Das wird sich erst im Laufe der Geschichte zeigen. Das bringt für das Verhältnis von Saladin und Nathan die Wende, da der Sultan nun beschämt ist und Nathans Freund sein will.


In Bezug auf die Liebesgeschichte zwischen Recha und dem Tempelherrn wird ebenfalls ein neuer Höhepunkt erreicht, der darin besteht, dass Nathan den Heiratsantrag des Tempelherrn nicht direkt annimmt und diesen damit vor den Kopf stößt. Außerdem lüftet Daja gegenüber dem Tempelherrn das Geheimnis um Recha: Sie ist eigentlich eine getaufte Christin und Nathan nur ihr Ziehvater.


Fallende Handlung mit retardierendem Moment

Im vierten Aufzug fällt die Handlung ab, aber die Spannung wird noch einmal durch den retardierenden Moment gesteigert, in dem der sich abzeichnende Ausgang des Dramas in Frage gestellt wird.


Der Tempelherr geht aus gekränktem Stolz zum Patriarchen und schildert diesem Rechas Hintergrund. Als dieser nicht davon abzubringen ist, dass ein solcher Jude verbrannt werden soll, ist er schockiert und wendet sich von dem unchristlichen Herrscher ab. Damit hat er aber Nathan in dessen Blickfeld gerückt und der Patriarch will über den Klosterbruder herausfinden, um welchen Juden es sich handelt, da der Tempelherr keinen Namen genannt hat.

Der Klosterbruder weiß, um wen es sich handelt und warnt Nathan, dem er die kleine Recha im Auftrag seines damaligen Herrn gebracht hatte. Nun kommt die Frage nach Rechas Herkunftsfamilie stärker auf und es stellt sich heraus, dass der Klosterbruder ein Buch hat, in dem alle Familienmitglieder verzeichnet sind. Unterdessen lässt Sittah nach Recha schicken, worin Daja eine Falle des Sultans wittert und sie beschließt daher, ihrem Schützling seine wahre Herkunft zu offenbaren.


Lösung

Im fünften Aufzug findet sich die Lösung des Geschehens, die entweder in einer Katastrophe oder einen Triumph des Helden mündet. Hier endet es mit letzterem.
Der Tempelherr bereut mittlerweile beim Patriarchen gewesen zu sein und will Nathan vor dessen Rache schützen, indem er Recha sofort heiratet. Die Spannung wird aber noch einmal hinausgezögert, indem Nathan deutlich macht, dass erst sämtliche Familienbeziehungen geklärt werden müssen.

Als dann alle beim Sultan sind, stellt sich heraus, dass alle miteinander verwandt sind: Recha und der Tempelherr sind Geschwister, Saladin ist ihr Onkel und Nathan der Vater im Geiste. Dadurch zeigt sich exemplarisch die Verwandtschaft der Religionen und damit der Menschheit. Das Stück endet mit allseitigen Umarmungen, während der Vorhang fällt.

Autorin: Kirsten Schwebel

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